Bericht: LitBlog Convention in Köln am 18. Mai 2019

Frauenpower hoch zehn

So viel ich mir im vergangenen Jahr noch über die Teilnahme an der LitBlogCon den Kopf zerbrochen habe, so wenig habe ich dieses Jahr daran gezweifelt, dass ich das Bloggertreffen wieder besuchen würde – das war mir bereits unmittelbar nach der letzten LBC klar. 2018 hatte ich es viel zu sehr genossen, auf der LBC liebe Bloggerkolleginnen zu treffen, mehr über bestimmte Autoren und Autorinnen zu erfahren oder diese sogar kennenzulernen, mich mit Leuten aus dem Literaturbetrieb auszutauschen und mich mit all diesen großartigen Büchermenschen über das zu unterhalten, was uns verbindet: Die Leidenschaft für Literatur. Das alles sollte auch dieses Jahr wieder drin sein und darauf wollte ich nicht erst bis zur Frankfurter Buchmesse warten – auch wenn die LBC nur zwei Tage nach meiner Rückkehr aus dem Nordamerikaurlaub stattfinden sollte und ich dort wegen des Jetlags wahrscheinlich wie ein Zombie umherwandeln würde. Davon blieb ich letztendlich aber glücklicherweise dann doch verschont (was ich von der Hinreise allerdings nicht behaupten kann… :D) und so stand einem rundum buchigen Tag in Köln nichts im Wege.

Auch wenn ich dieses Jahr – ganz im Gegensatz zur letzten LBC – das eine oder andere Gesicht in der Menge kannte und mich bereits vorab mit ein paar anderen Bloggerinnen verabredet hatte, war ich trotz allem ein bisschen nervös und aufgeregt, als ich das Gelände von Bastei Lübbe um kurz vor 10 betrat. Die Nervosität war aber schnell verflogen, als mich kurz darauf jemand an die Schulter tippte und ich Silke von wassilkeliest erkannte. Was für ein schöner Zufall! Nicht lange danach traf auf Lisa von romantastisch ein, mit der ich schon die letzte LBC gemeinsam verbracht hatte. Gemeinsam betraten wir das Verlagsgebäude und schauten uns, nun frisch ausgestattet mit einer üppig gefüllten Goodiebag, ein bisschen im Foyer um. Beim Beschriften unserer Namensetiketten (die Dinger sind echt praktisch!) überraschte uns dann auch Charlie von meetingjaneandharry. Obwohl mir das Foyer in diesem Jahr geräumiger, ja fast etwas leerer erschien (vielleicht lag es aber auch einfach an den deutlich angenehmeren Temperaturen), füllte sich der Eingangsbereich dann doch allmählich und nach einer kurzen Begrüßung machten sich auch rasch alle bereit, das Treppenhaus zu stürmen, um möglichst schnell zu dem Raum zu kommen, in dem die erste Session der Wahl stattfinden sollte, denn mittlerweile weiß man: Die Räume füllen sich immer im Handumdrehen, deshalb ist Eile geboten, um die Lieblingssession nicht zu verpassen.

Session 1: „Blackbox Herstellung“

Die Sessions, auf die ich persönlich ein Auge geworfen hatte, waren erst am Nachmittag angesagt, deswegen war ich vormittags etwas flexibler, freute mich aber dennoch darüber, dass ich in Hanne Mandiks Workshop zur Buchproduktion noch ein Plätzchen ergattern konnte, das ich letztlich noch mit Charlie geteilt habe. Mit viel Humor und Enthusiasmus – man merkte Hanne wirklich an, dass sie ihren Job liebt – berichtete sie uns darüber, wie ihr Arbeitsalltag in der Herstellungsabteilung von Kiepenheuer & Witsch aussieht und wie die Produktion eines Buches abläuft. Hanne hatte viele Anschauungsexemplare, Papiere und Materialien dabei und durch ihre Schilderungen wurde mir erst bewusst, wie viel Arbeit in einem Buch steckt – und das ganz abgesehen vom offensichtlichen Inhalt! Bei der Buchgestaltung ist nicht nur viel Kreativität gefragt, sondern fast noch mehr Entscheidungsfreude gefragt, wenn es beispielsweise darum geht, die Stärke der Pappe des Hardcovers, die Beschaffenheit des Einbandpapiers oder die Farbe des Lesebändchens (wenn es denn überhaupt eines geben soll) auszuwählen. So spannend und spaßig die Arbeit auch klingt, bei mir würde wahrscheinlich nie ein Buch fertig werden, weil ich mich bei der großen Auswahl und Produktvielfalt wahrscheinlich nie entscheiden könnte. 😀 Interessant war der Einblick in diesen Teilbereich des Büchermachens und der damit einhergehende Perspektivwechsel für mich aber allemal: Als Leser käme man beispielsweise wohl nie auf die Idee, das Buch am Lesebändchen hochzuhalten, wohl aber als Buchherstellerin, die – wie Hanne demonstrierte (entsetztes Aufstöhnen der anwesenden Buchblogger inklusive) – vollstes Vertrauen in die Qualität ihrer Arbeit hat. Und auch über die Funktion eines Schutzumschlages sind sich die Buchhersteller und Buchblogger nicht ganz einig, die Buchblogger unter sich aber umso mehr, wie eine kleine Umfrage zeigte: Der Schutzumschlag muss geschützt werden (nicht etwa das Buch…) und wird deshalb beim Lesen abgenommen. Tja, die Logik der Buchliebhaber halt.

Session 2: „Verlage, Autoren und jede Menge Prosecco“

Einen ähnlich erhellenden und kurzweiligen Einblick wie bei Hanne Mandiks Workshop hatte ich mir im Anschluss auch von Andrea Neuhoffs Session zur Buchmesseplanung erhofft. Natürlich war zu erwarten, dass sie vor allem auch aus der Sicht ihres Verlages Droemer Knaur berichten würde, dennoch hätte ich mir einen etwas allgemeineren Bezug zur Messeorganisation gewünscht. Auch wenn ich den Bericht einer Krimibloggerin, die regelmäßig auf den Buchmessen moderiert, und die abschließende Diskussion darüber, was sich Buchblogger von Verlagen auf den hiesigen Messen wünschen, ganz interessant fand, hätte ich mich stattdessen vielleicht doch eher für eine andere Session entscheiden sollen – beispielsweise Anna von Plantas Session über Martin Walker. Denn wer dieser inspirierenden Frau schon einmal lauschen durfte (und das Vergnügen hatte ich ja bereits bei der letzten LBC), der weiß: Man könnte ihr wirklich stundenlang beim Schwärmen zuhören. Wie gut, dass ich nach der Mittagspause noch Gelegenheit dazu hatte – wenn schon nicht für Stunden, dann wenigstens für vierzig Minuten.

Session 3: „Joey Goebel“

Nicht nur wegen der sympathischen Diogenes-Lektorin habe ich auf diese Session besonders hingefiebert, sondern auch wegen des Themas: Joey Goebel, ein – wie ich finde – immer noch viel zu wenig beachteter US-Autor, den ich dank Benedict Wells entdeckt habe und nun ziemlich feiere (zum Beispiel hier in meiner Rezension zu seinem grandiosen Roman Vincent nachzulesen). Nächste Woche werde ich Joey Goebel live auf einer Lesung erleben können (VORFREUDE²!) und dafür hätte es wohl kaum eine bessere Vorbereitung als den euphorischen Vortrag seiner Lektorin geben können: Glühend vor Begeisterung erzählte uns Anna von Planta von dem Kultautor aus der amerikanischen Provinz, der zeit seines Lebens in einem Kaff in Kentucky, einem der sogenannten „Flyover-Staaten“, lebt und über die Menschen und deren Alltag dort schreibt. Wie es dazu kam, dass ein Schriftsteller aus dem Nirgendwo bei einem renommierten europäischen Verlag wie Diogenes landete? Dem Zufall und vor allem viel Glück ist es zu verdanken, dass Anna von Planta den damals 25-jährigen Provinzler, der noch nie groß verreist war und sich deshalb erst noch einen Reisepass beschaffen musste, zu Diogenes nach Zürich holte. Mit seinen Ukulelekünsten und seiner sympathischen Naivität eroberte er dort die Herzen im Sturm, wie seine Lektorin mit strahlenden Augen und nicht ohne Stolz erzählte. Sie legte den SessionteilnehmerInnen besonders seine Romane Vincent und Heartland ans Herz, stellte kurz drei Erzählungen aus seinem neuen Kurzgeschichtenband Irgendwann wird es gut vor und erläuterte, was Goebels Bücher ausmacht: Ein Mix aus tiefer Traurigkeit und unglaublichem Witz sowie exzentrische, einsame und verlorene Charaktere, die Außenseiter und „Misfits“ in der Gesellschaft. „Er und seine Figuren denken, dass sich das eigentliche Leben woanders abspielt, und er beschreibt das Leben in seinen Büchern so, wie es dort wirklich ist. Das ist die Welt, die er kennt, und über die er deshalb nicht als Außenseiter schreiben muss“, erklärte von Planta und gab zu, dass sie Goebel zwar gerne hier hätte, es aber vielleicht besser sei, dass er in seiner Heimat bleibe, da sie sich einen über Zürich schreibenden Joey Goebel nicht so richtig vorstellen könne. Und damit war die vierzigminütige Session auch schon wieder rum – wohl sehr zum Bedauern aller TeilnehmerInnen, denn nicht nur ich schien völlig fasziniert von der Begeisterung der Lektorin gewesen zu sein. Viele hätten ihr gerne noch lange zugehört, denn mal ehrlich: Keine schwärmt so schön und einnehmend von „ihren“ Autoren wie Anna von Planta, in dieser Hinsicht ist sie wirklich ein absolutes Phänomen und eine große Inspiration!

Session 4: „Katrine Engberg im Gespräch“

Das Begeisterungslevel wurde dann zum Glück durch die bezaubernde Katrine Engberg, die mittlerweile schon als die „upcoming queen of crime“ gehandelt wird, direkt aufrechterhalten. Ich durfte die dänische Autorin zwar auch schon beim Diogenes-Talk und dem Bloggertreffen auf der Frankfurter Buchmesse live erleben, aber es ist wirklich immer etwas Besonderes, diesem charismatischen Energiebündel aus Kopenhagen beim Anekdotenerzählen zuhören zu können. Katrine Engberg erzählte im Gespräch mit Kerstin Beaujean, wie es sie als ausgebildete Tänzerin und Choreografin von den großen Bühnen in die Krimiwelt verschlagen hat, und woher sie die Inspiration für ihre Geschichten nimmt. So entdeckt sie immer wieder neue Ecken und Gebäude in ihrer Heimatstadt, die ihr Interesse wecken und deren Geheimnissen sie auf den Grund geht. Dafür betreibt sie viel Recherche und hat gelernt, nicht locker zu lassen: „Es lohnt sich immer, frech zu sein“, verriet sie grinsend. Auf diese Weise durfte sie beispielsweise einen Polizisten einen Tag mit der Mordkommission begleiten und direkt am Tatort einer Messerstecherei dabei sein oder bekam Zugang zu einem Observatorium in ihrer Nachbarschaft, das im 2. Band ihrer Kopenhagen-Reihe um das Ermittlerduo Anette Werner und Jeppe Kørner eine Rolle spielt. Lebhaft und humorvoll berichtete die Autorin auch, wie sie dank des Berufs ihres Mannes – er ist Koch – und der Industrieküche in ihrem eigenen Haus auf die offenbar perfekte Mordwaffe kam: Abflussreiniger. In diesem Zusammenhang schilderte sie ein Telefonat mit einer Reinigungsmittelfirma, bei dem sie sich erkundigte, ob man denn mit deren Produkten jemanden umbringen könne. Das Problem sei ja schließlich, dass man das ja nicht selbst ausprobieren könne – oder halt dann nur einmal, erklärte Engberg lachend. Mit Anekdoten wie dieser und anderen amüsanten Geschichten brachte sie die SessionteilnehmerInnen pausenlos zum Lachen und zog alle in ihren Bann – auch hier hätten ihr sicherlich alle noch weit über die vierzig Minuten hinaus zugehört. Und als wäre die Session nicht schon allein ein großes Highlight gewesen, toppte die sympathische Autorin das am Schluss sogar noch mal: Ich hatte extra mein Exemplar von Krokodilwächter mitgebracht und Katrine Engberg erkannte mich beim Signieren noch von der Frankfurter Buchmesse und erinnerte sich an meinen Instagramaccount. Ich war hin und weg, was für eine tolle Frau, die mit ihrem dynamischen und einnehmenden Wesen nun ein absolutes Vorbild für mich ist.

Session 5: „Schreiben mit allen fünf Sinnen“

Bei der Wahl der allerletzten Session des Tages war ich etwas unentschlossen, habe mich aber dann dazu entschieden, zusammen mit der lieben Ursula den Diogenes-geprägten Nachmittag noch etwas auszuweiten und so haben wir uns auf ein „literarisches Wahrnehmungsexperiment“ mit der Jungautorin Simone Lappert eingelassen – ohne genau zu wissen, was uns erwartet. Lappert stellte uns zunächst kurz ihren neuen Roman Der Sprung vor, der Ende August erscheint, und las daraus eine längere Textstelle vor. Das Thema – sich kreuzende Lebenslinien und Schicksale, an denen wir nichtsahnend vorübergehen – hätte mich, ehrlich gesagt, nicht zwangsläufig angesprochen, doch die intensive Sprache und der Schreibstil haben mich komplett beeindruckt. Lappert hat Literarisches Schreiben studiert und geht auf eine ganz eigene, vielleicht teils unkonventionelle, aber auf jeden Fall originelle und frische Art an ihre Texte heran. In einer kurzen Übung brachte die Autorin uns SessionteilnehmerInnen dann auch eine ihrer Schreibtechniken näher: Dafür ging es, mit Schlafmasken ausgestattet, dann hoch auf die Dachterrasse des Verlagsgebäudes, wo wir uns mit verdeckten/geschlossenen Augen auf die vier Sinne Hören, Riechen, Schmecken und Tasten konzentrieren und das Wahrgenommene anschließend niederschreiben sollten. Da ich üblicherweise nur journalistische und daher keine literarischen Texte schreibe, war diese Übung etwas ungewöhnlich/seltsam, gleichzeitig aber auch eine interessante Erfahrung für mich. Auf jeden Fall wurde dadurch deutlich, dass körperliche Wahrnehmung noch einmal ein ganz anderes Register eröffnen und die Beschreibung von Sinneswahrnehmungen Texten eine zusätzliche Tiefe verleihen kann, das fand ich sehr beeindruckend. Danke an Simone Lappert für diesen spannenden Einblick und „Chapeau!“ an alle mutigen Bloggerkolleginnen, die ihre Texte am Schluss vorgelesen haben.

Nach den fünf Sessions kamen schließlich alle wieder im Foyer zusammen. Leider gab es in diesem Jahr keine Podiumsdiskussion, dafür aber ein Glücksrad mit tollen Gewinnen und natürlich auch wieder ein leckeres Buffet. In gemütlicher Atmosphäre konnte man so zusammen den Tag Revue passieren lassen und sich über das Erlebte austauschen. Es war mir eine große Freude, liebgewonnene LBC- und Buchmessebegleiterinnen wiederzutreffen (Shoutout an Valérie, Petra, Ursula, Lisa und Charlie), ein paar liebe Bloggerkolleginnen endlich einmal live kennenzulernen (I’m looking at you, Kathrin, Jule und Moni 😉 ) und ein bisschen abzuhängen, bis dann plötzlich die große Aufbruchsstimmung (eventuell auch etwas dem Eurovision Songcontest geschuldet, wer weiß?) aufkam und sich das Foyer innerhalb kürzester Zeit leerte. Für meinen Geschmack ging der Tag wieder viel zu schnell vorbei, aber so ist es halt immer: Time flies when you’re having fun! 🙂

Kommentare

  1. Petra Reich

    Wir haben ja tatsächlich alle vier Workshops gemeinsam besucht. Für mich also ein ganz persönlicher Rückblick 🙂 Danke! Und liebe Grüße!

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