Rezension: „Die Biene und der Kurt“ von Robert Seethaler

Da ist das Fass an Skurrilität ein bisschen übergelaufen

Da veröffentliche ich doch glatt schon wieder eine Rezension zu einem Roman von Robert Seethaler! Vermutlich rollen jetzt ein paar von euch gerade mit den Augen, aber das kann ich ja nicht sehen. Vielleicht interessiert es den ein oder anderen aber auch, wie es mir mit meinem vierten Seethaler-Roman so erging, das ist ja gut möglich. Meine Seethaler-Liebe, die hat nämlich einen ordentlichen Dämpfer bekommen. Damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Das war wie so ein kleiner Schlag in die Magengrube, ihr kennt das wahrscheinlich. Jedenfalls bin ich heilfroh, dass das nicht mein erstes Buch von Seethaler war. Wer weiß, ob ich dann noch ein anderes Buch von ihm gelesen hätte. Darüber könnte man wahrscheinlich noch lange spekulieren, aber eines ist klar: Natürlich liegen zwischen so einem unaufdringlichen und feinen Büchlein wie Ein ganzes Leben und so einer grellen Story wie der von Die Biene und der Kurt Welten.

Mit dieser etwas anderen Einleitung und meiner Imitation des Schreibstils wollte ich einen Eindruck davon vermitteln, worauf man sich einstellen sollte, wenn man Die Biene und der Kurt lesen möchte. In meinen bisherigen Rezensionen zu Ein ganzes Leben, Der Trafikant und Die weiteren Aussichten bin ich bereits auf Robert Seethalers einzigartige Sprache und seinen sehr eigenen Schreibstil sowie seine Liebe für (obskure) Details und seine plastischen Figuren eingegangen. Dieses Mal war es mir entweder deutlich zu viel davon oder zu wenig, sodass ich letztendlich in den allermeisten Fällen eher genervt als amüsiert reagiert habe. Dabei klang anfangs alles so vielversprechend: Ein ganzes Leben gerade beendet, hatte ich mir Die Biene und der Kurt gekauft – in voller Überzeugung, dass mir dieses Buch, in dem Musik so eine zentrale Rolle spielt, sicherlich gefallen würde. Leider lag ich ziemlich daneben, aber ich konnte ja damals noch nicht ahnen, was für eine bizarre Geschichte zwischen den Buchdeckeln stecken würde…

In gewohnter Seethaler-Manier stehen auch in diesem Roman zwei Außenseiter im Mittelpunkt, die ein wenig einfältig und gewöhnlich wirken, aber außergewöhnliche Dinge erleben. Wie in Die weiteren Aussichten treffen in Die Biene und der Kurt zwei Menschen aufeinander, die zwar ein ungleiches Paar abgeben, aber zu einem eingespielten Team werden: In diesem Fall sind das die pummelige und unscheinbare Titelheldin und ihr verlotterter und übergewichtiger Kumpane. Letzterer tingelt als Möchtegern-Musiker in seinem Wohnmobil durch die Provinz, säuft sich die Tage und vor allem sein Publikum ein bisschen schöner und gibt abends unter dem sehr klangvollen Künstlernamen „Kurt Heartbreakin’ Dvorcak“ Konzertauftritte in Gemeinderatssälen, örtlichen Altenheimen oder, wenn’s sein muss, auch in Geflügelzuchthallen. Auf seiner Konzerttour von Kuhdorf zu Kuhdorf trifft der selbsternannte „König des Schlagers und Rock’n’Rolls“ schließlich auf die 16-jährige Biene Kravcek, die aus einem katholischen Mädchenheim ausgebüxt ist, weil sie die Schikane dort nicht mehr ertragen hat. Das etwas schrullige, aber robuste Mädchen schleicht sich langsam in das Herz des alternden und vom Leben frustrierten Wannabe-Elvis’ und von da an tingeln die beiden als das Duo „Kurt Heartbreakin’ Dvorcak and His Honey Bee“ durch die Lande. Auf ihrer Suche nach Freiheit, Liebe und einem Lebenssinn erleben die beiden schließlich das ein oder andere schräge Abenteuer…

Viele Aspekte, die ich bereits in Seethalers jüngeren Werken ausmachen konnte, sind mir auch bei der Lektüre seines Debütromans wieder ins Auge gestochen – diesmal allerdings in eher negativer Weise, da sie in Die Biene und der Kurt häufig in einer (noch) verzerrteren Form vorkommen. Die Detailgenauigkeit und ausführliche Beschreibung der Figuren artet hier oft schon beinahe in Pedanterie aus, beispielsweise wenn Seethaler seine Charaktere mit kuriosen Substantivkonstruktionen (z.B. Bienekopf oder Kämmerlehirn) beschreibt, die anfangs noch ganz witzig und originell sind, einem aber auf Dauer ein wenig auf den Geist gehen. Und auch die kurzen, eher simplen Sätze, die man in einer etwas harmloseren Variante auch von den andren Romanen kennt, werden hier in einer dermaßen verschärften Form eingesetzt, sodass ich immer nur eine gewisse Dosis davon ertragen konnte, bis ich das Buch wieder für eine gewisse Zeit zuklappen musste. Mir ist bewusst, dass all diese Elemente wohl zum komischen Effekt der Geschichte beitragen sollen, aber ein bisschen weniger Holzhammermethodik hätte es nach meinem Geschmack auch getan.

Der allerdings größte Dorn im Auge war für mich die Tatsache, dass hier ein ziemlich fragwürdiges Verhältnis zwischen einer minderjährigen Ausreißerin und einem mehr als doppelt so alten Säufer, der sein Leben offensichtlich nicht auf die Reihe bekommt, so in Szene gesetzt und gewissermaßen romantisiert wird. Bienes Naivität brachte mich einige Male zum Kopfschütteln und ich habe mich bis zuletzt gefragt, was ein junges Mädchen an einem verlotterten und grobschlächtigen Alt-Rock’n’Roller, der seinen Frust im Alkohol ertränkt, finden kann. Ich muss wirklich zugeben, dass es mich manchmal fast ein bisschen schauderte, wenn ich mir die beiden vorstellte. Auch wenn diese Geschichte so unbeschwert und heiter daherkommt und sich auch meist dementsprechend locker-flockig lesen lässt, blieb für mich dennoch immer ein fader Beigeschmack.

Nun ist es auch nicht so, als ob mich keine Szene zum Lachen gebracht hätte. Manche Dinge, die die beiden Protagonisten erleben, und viele Beschreibungen sind tatsächlich zum Schreien komisch. Vieles ist aber schon so irrwitzig und abgedreht, dass es schlichtweg unglaubhaft wirkt. Steckte für meinen Geschmack bereits in Die weiteren Aussichten ein Schuss zu viel Aberwitz, ist bei Die Biene und der Kurt das Fass an Skurrilität für mich nun endgültig übergelaufen. Wo im ersten Fall die liebenswürdigen Charaktere bei mir an Sympathiepunkten gewinnen konnten, schossen bei Letzterem die bizarren Titelhelden und deren bedenkliches Verhältnis den Vogel endgültig ab. Alles in allem ein eher befremdliches Leseerlebnis, das ich lieber wieder schnell vergessen möchte.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich es also als einen absoluten Glücksfall, dass ich die fünf bisher veröffentlichten Romane von Robert Seethaler antichronologisch gelesen habe – es ist definitiv eine enorme Qualitätssteigerung von den älteren zu den jüngeren Werken zu erkennen, sowohl was den Inhalt als auch die Sprache und den Stil betrifft. Einzig der mittlere Roman, Jetzt wird’s ernst, fehlt mir jetzt noch und da die positiven Leseerfahrungen glücklicherweise immer noch überwiegen, werde ich natürlich auch noch dieses Buch lesen und ich hoffe, dass es bei einem Ausrutscher bleiben wird und ich dort wieder dem Seethaler begegne, den ich vor gut einem halben Jahr in Ein ganzes Leben so zu lieben und schätzen gelernt habe.

Infos zum Buch:

Verlag: Kein und Aber

Erschienen: 01.02.2014

ISBN: 978-3-0369-5915-3

Seitenanzahl: 288

Homepage: https://keinundaber.ch/de/literary-work/die-biene-und-der-kurt

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