Bericht: 48. Solothurner Literaturtage

Ein bereichernder Kurztrip zum größten mehrsprachigen Literaturfestival der Schweiz

Seit mittlerweile 48 Jahren wird die malerisch am Fuße des Juras und der Aare gelegene Kleinstadt Solothurn traditionell über das Auffahrtswochenende Mitte Mai zum Hotspot der Schweizer Literaturszene – und weit darüber hinaus. Da ich in der Grenzregion lebe, war mir das Literaturfestival zwar durchaus bereits ein Begriff, seiner tatsächlicher Strahlkraft war ich mir jedoch noch nicht bewusst gewesen, doch das sollte sich ändern, denn ich hatte in diesem Jahr nun die Gelegenheit, mich von anderen Literaturliebhaber:innen und Gleichgesinnten mit durch die Straßen der Solothurner Altstadt zu Lesungen, Diskussionen und Performances an verschiedensten Orten, von denen einer schöner als der andere war, treiben zu lassen, internationalen Autor:innen zu lauschen und gemeinsam ins Gespräch über Sprache und das Erzählen zu kommen – und all das in gerade einmal eineinhalb Tagen: Ein intensives, teils atemloses Erlebnis, das für mich jedoch kaum bereichernder hätte sein können und einmal mehr bewiesen hat, welche Bedeutung Geschichten und Bücher besonders in der heutigen Zeit haben.

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Rezension: “Die Straße” von Robert Seethaler

Eine gewöhnliche Straße als Brennglas der Gesellschaft

In meinen Anfangszeiten als Buchbloggerin habe ich die Romane von Robert Seethaler viel und gerne rezensiert – mal mit großer Verzückung, manchmal auch mit größeren Erstaunen, seltener mit einer hochgezogenen Augenbraue. Seitdem sind ein paar Jahre ins Land gegangen und vielleicht hat sich die eine oder der andere schon gefragt, was aus meiner Seethaler-Begeisterung geworden ist. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich seit dem grandiosen Das Feld ein bisschen mit seinen Romanen gefremdelt, die Nachfolger Der letzte Satz und auch Das Café ohne Namen haben mich leider nicht mehr richtig erreicht. Umso größer war die Vorfreude aber auf seinen neuesten Roman Die Straße, der mich –zumindest dem Klappentext nach zu urteilen – an meinen ewigen Liebling Das Feld erinnert hat. Ob er diese Hoffnung letzten Endes auch erfüllen konnte?

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Bericht: Lesung von Joachim B. Schmidt am 6. September 2025 in Appenzell

Atmosphärische Reise in den hohen Norden Islands

Kürzlich musste ich mit Erschrecken feststellen, dass ich in diesem Jahr noch keine einzige Lesung besucht habe – ein schier untragbarer Zustand für eine begeisterte Lesungsbesucherin für mich, doch leider ist hier das Angebot an für mich interessanten Lesungen in den vergangenen Monaten ohnehin eher überschaubar gewesen und wenn doch mal ein*e interessante*r Autor*in in der Nähe gelesen hat, ist der Lesungstermin entweder ausgerechnet in meine Urlaubszeit gefallen oder bereits ausverkauft gewesen. Immerhin zum Start von Joachim B. Schmidts Schweiz-Lesereise zu seinem neuesten Roman Ósmann habe ich es zum Glück pünktlich aus dem Urlaub geschafft und so ging es für mich fast ein Jahr nach meiner letzten Lesung und beinahe genau zwei Jahre, nachdem ich den Autor dort schon einmal bei einer Lesung erleben durfte, wieder ins beschauliche Örtchen Appenzell: Im hiesigen, bis auf den letzten Stuhl vollgepackten Bücherladen nahmen Schmidt und der Schweizer Musiker Tom Egger die Lesungsgäste mit auf eine lyrische Reise nach Nord-Island.

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Rezension: “Für Polina” von Takis Würger

Modernes Märchen voller Musik und Magie

Vor knapp acht Jahren betrat Takis Würger mit seinem Debüt Der Club die deutschsprachige Literaturszene fulminant und mit großer Beachtung – und eroberte mit seinem Erstling auch mein Herz im Sturm. Nachdem sich der Autor literarisch zwischenzeitlich an eher historischen und biografischen Themen (den ein oder anderen Wirbel darum inklusive) sowie zuletzt gesellschaftskritischen Geschichten mit Krimipotenzial ausprobiert hatte, kehrt er mit seinem neuesten Werk Für Polina nun wieder zu seinen Anfängen und in vertraute Gefilde zurück und stellt darin sein außergewöhnliches Können eindrücklich unter Beweis. Mit dieser ungewöhnlichen Liebesgeschichte, die deutliche märchenhafte Züge aufweist und auch sonst in vielen Punkten an Der Club erinnert, gleichzeitig jedoch wie eine erwachsenere, gereiftere Version des Debüts daherkommt, ist Würger zweifellos der nächste große Wurf gelungen.

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Rezension: “Wackelkontakt” von Wolf Haas

Ganz schön raffiniert: Trickkiste zwischen zwei Buchdeckeln 

Wolf Haas hat es schon wieder getan: In seinem neuen Roman Wackelkontakt spielt und zaubert der österreichische Bestsellerautor aufs Neue mit Sprache, dass es eine wahre Freude ist. Das war nach seinem letzten großen Wurf, dem brillanten Eigentum, zu erwarten oder zumindest zu erhoffen. Doch Haas’ neuester Geniestreich ist auch eine Wucht im Hinblick auf den Inhalt, das Spiel damit und die daraus resultierende Konstruktion – oder resultiert das Spiel etwa aus Inhalt und Konstruktion? Das ist auch der Knackpunkt des Romans: Wo sind jeweils der Anfang und das Ende, der Start und das Ziel einer Geschichte und wo und wie führen alle Fäden schließlich zusammen? Ein eigentlich unmögliches literarisches Gedankenexperiment, das verblüffenderweise tatsächlich aufgeht und allen, die sich auf dieses wahnwitzige Spiel einlassen, einen durch und durch irrsinnigen Lesegenuss bietet.

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