Bericht: „Schoog im Dialog“ mit Martin Suter am 24. Mai 2017 in Tübingen

Zurück zu den Wurzeln von Elefant

Zu seinem Besuch in Tübingen im Rahmen der Reihe „Schoog im Dialog“ sowie des Tübinger Bücherfestes brachte Bestsellerautor Martin Suter seinen aktuellen Roman dorthin, wo alles begann: Und zwar an den Geburtsort seines niedlichen rosafarbenen Elefäntchens Sabu. An die zehn Jahre ist es nämlich mittlerweile schon her, als der Alzheimer-Forscher Mathias Jucker den Schweizer Schriftsteller in einem Gespräch auf einem Kongress in Tübingen auf die Idee zu dem Roman brachte. Seitdem sei ihm die Vorstellung eines durch Gentechnik erzeugten rosaroten Mini-Elefanten nicht mehr aus dem Kopf gegangen, so Suter. Wie bereits in meiner Rezension zu Elefant erwähnt, ist es auch ungefähr ein Jahrzehnt her, als ich zum ersten Mal mit Martin Suters Romanen in Berührung kam, und jahrelang habe ich den Wunsch gehegt, den Schriftsteller einmal live sehen und lesen hören zu können. Dank seines Abstechers in Tübingen ging dieser Traum nun endlich in Erfüllung.

Wie man sich vorstellen kann, waren meine Vorfreude auf und die Erwartungen an das Gespräch entsprechend hoch, doch (natürlich) sollte es ein sehr gelungener Abend werden. Bereits der Veranstaltungsort sorgte für die passende Stimmung: Das großzügige und atmosphärische Foyer des Sparkassen-Carrés, die Bühnengestaltung und –beleuchtung sowie vor allem die langen, vollbesetzten Stuhlreihen waren einer literarischen Größe wie Martin Suter auf alle Fälle würdig. Zudem hatten die Veranstalter noch die Musikerin Flow Effect aus Freiburg eingeladen, das Gespräch musikalisch zu umrahmen. Eigentlich eine schöne Idee und normalerweise freue ich mich immer, wenn auf Lesungen Musik und Literatur vereint werden, hier empfand ich die vier dargebotenen Lieder jedoch eher als überflüssig und belanglos – allerdings ist Musik ja bekanntlich Geschmackssache und vielen Zuhörern (und wohl auch Herrn Suter) schien sie jedenfalls gefallen zu haben. Mit Bernadette Schoog führte außerdem eine erfahrene und kluge Moderatorin durch den Abend, die gründlich recherchiert hatte und dem Schriftsteller viele interessante Antworten entlocken konnte. Die ein oder andere (vertiefende) Frage war meiner Ansicht nach zwar etwas unnötig, doch tat sie der lockeren Stimmung keinen Abbruch – die Chemie zwischen Schoog und Suter stimmte auf alle Fälle und so war praktisch die Basis für einen äußerst unterhaltsamen Abend geschaffen.

Gleich zu Beginn des Gesprächs erklärte der „literarische Midas“, wie ihn Schoog dem Publikum vorstellte, dass er Bücher verfasse, die er selber gerne lese, und dass er auch nicht berechnend schreibe. Er betrachte das Schreiben nämlich eher als Teamarbeit zwischen dem Leser und dem Autor, die sich folgendermaßen gestalte: Er liefere die Codes, aus denen sich die Leser die Bilder schließlich selbst machten. Dabei bemühe er sich, die wichtigsten Stichworte zu finden, und verlasse sich dann auf die Filme, die in den Köpfen seiner Leser liefen. Deshalb versuche er auch nicht, sehr detailliert zu schreiben, sondern vielmehr den richtigen Zauber zu finden. Beim Stichwort „Zauber“ nickte ich dann auch sehr euphorisch, denn genau dieser ist es, der seine Romane für mich immer zu etwas ganz Besonderem macht. Auf seine Romanfiguren angesprochen, äußerte Martin Suter anschließend, dass er zwar der Meinung sei, man könne sich nicht in andere Menschen hineinversetzen, er sich aber immer darum bemühe, die Guten und die Bösen in sich selbst zu finden – deswegen seien all seine Protagonisten vermutlich auch nie richtige Helden, führte er grinsend an. Was denn überhaupt das Thema in all seinen Werken sei, wollte Bernadette Schoog im Anschluss von Suter wissen. Er erzählte, dass es einer seiner Leser einmal ziemlich auf den Punkt gebracht hätte: In seinen Werken ginge es immer um „Schein und Sein“. Vor allem aber beschäftigten sie sich mit den Fragen „Wer bin ich?“ und „Wer könnte ich sein?“, wobei die Grenze dazwischen sehr fein sei.

Martin Suter liest eine kurze Stelle aus seinem Roman „Elefant“

Apropos „Grenze“ – von eigenen Grenzerfahrungen berichtete der Autor dann, als ihn Schoog auf das Thema „Drogen“ ansprach. Hier betonte Suter, dass er zwar nie harte Drogen, aber sehr wohl Cannabis konsumiert habe. In diesem Kontext gab er dann einige sehr amüsante Anekdoten über harmlose(re) Drogenerlebnisse zum Besten, die ihm aber wohlgemerkt auch beim Schreiben seiner Romane – vor allem natürlich bei Die dunkle Seite des Mondes – geholfen hätten. Sein offener und humorvoller Umgang mit solchen und anderen Themen kam beim Publikum, dem häufigen heiteren Gelächter nach zu urteilen, sehr gut an. Überhaupt zeigte sich der Bestsellerautor an dem Abend sehr aufgeschlossen und oft auch von einer sehr persönlichen Seite, was ich unheimlich sympathisch fand. So scheute er beispielsweise auch nicht davor zurück, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern, als Bernadette Schoog ihn fragte, welchen Einfluss seine Frau auf seine Werke bzw. seine Arbeit habe. Er erzählte, dass sie seine Manuskripte immer zuerst lese, ihn das aber immer nervös mache und er ihr in dieser Zeit immer lieber aus dem Weg ginge – diese Tage gehörten dann auch nicht gerade zu den unbeschwerteren in ihrer Beziehung, gab er schmunzelnd zu.

Spannend wurde es auch, als Suter genauer auf seine Arbeit und den Schreibprozess einging. So schreibe er immer „bis Sonnenuntergang“ an seinem aktuellen Werk – und das durchaus hartnäckig, weil er von Ungeduld und Neugier getrieben werde und „es dann auch mal fertig haben möchte“, berichtete der Autor. Deswegen schreibe er seine Bücher auch meistens in einem Rutsch durch, allerdings in einem etwas langsameren „Schweizer Rutscher“, wie er es nannte. Gerade diese Aussage ist meiner Ansicht nach sehr exemplarisch für Martin Suters Charakter, denn er erklärte an dem Abend auch, dass die Gratwanderung zwischen leichteren und schwereren Themen in seinen Werken wahrscheinlich auch daher rühre, dass er selbst nie lange ernst bleiben könne. Was übrigens die Themen seiner Bücher anginge, suchten sich seine Geschichten diese wohl selbst – am Anfang gebe es nur die jeweilige Geschichte. Folgenden Anspruch erhebt er jedoch an sämtliche seiner Werke: In der Fiktion muss immer alles stimmen, was stimmen kann. In diesem Fall sei das Fiktive auch glaubwürdiger und eine Lüge, die in zehn Wahrheiten verpackt sei, erkenne man dann auch nicht mehr, erklärte Suter grinsend. Über den literarischen Wert seiner Bücher mache er sich allerdings keine großartigen Gedanken, denn er schreibe schließlich Bücher für Menschen, die heute lesen würden.

Ein gutgelaunter Martin Suter beim Büchersignieren

Aus diesem Grund war er wohl auch neugierig, an welcher Art von Roman seine (Tübinger) Leser mehr interessiert sind – einem „Allmen“ oder einem „Suter“. Diese deutliche Abtrennung zwischen seinen Büchern mache sein Verlag Diogenes nämlich seit geraumer Zeit. Also ließ der Schriftsteller das Tübinger Publikum abstimmen. Das für mich zugegebenermaßen keineswegs überraschende Ergebnis: Ein sehr eindeutiges Votum für die Kategorie „Suter“. Zur Freude der Anwesenden gab der Autor dann auch bekannt, dass er tatsächlich plane, zunächst einmal einen „Suter“ zu schreiben und sich erst danach wieder seinem Dandy-Detektiv Johann Friedrich von Allmen zu widmen. Wovon sein neuer Roman handelt, das wollte Martin Suter, auch wenn ihn das Tübinger Abstimmungsergebnis sichtlich erfreute, allerdings noch nicht verraten. Eines ist aber schon jetzt klar: Auch damit dürfte dem charmanten und begnadeten Meistererzähler aus der Schweiz wieder einmal ein gewaltiger Publikumserfolg gelingen.

Lest ihr gerne Bücher von Martin Suter oder wart ihr bereits bei einer seiner Lesungen?
Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!

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