Bericht: Lesung von Benedict Wells am 7. Mai 2023 in Kempten

Coming of Age im Allgäu der 90er und in den USA der 80er

Als ich im November 2021 in meinem Bericht über den damals vorerst letzten Termin der Lesetour zu dem Roman Hard Land geschrieben habe, dass ich mich bereits auf die nächste Lesetour von Benedict Wells und Jacob Brass freuen würde – wann immer das sein möge – konnte ich nicht ahnen, dass es fast genau eineinhalb Jahre später tatsächlich noch eine Zugabe für mich geben würde. So bekam die Hard LandLesetour nach den Leseterminen 2021 wie bei Konzerttouren großer Musikacts einen zweiten „Leg“ mit zusätzlichen Stops in weiteren Ecken Deutschlands, unter anderem auch in Kempten, was mich, obwohl ich ja bereits die ein oder andere Lesung der Tour erlebt hatte, zu einem Wochenendtrip in die Allgäuer Heimat veranlasste – auch in guter Erinnerung an Wells’ Lesung in Kempten 2017.

Nicht unweit eben jener Buchhandlung von damals, bei der es jedoch mittlerweile einen Inhaberwechsel gab, trat der Autor nun zusammen mit Jacob Brass am 7. Mai im Kemptner Veranstaltungshauses bigBOX ALLGÄU auf. Hier zwar im kleineren Saal im Untergeschoss, dennoch fühlt es sich für mich nicht ganz wirklich an, eine Lesung meines Lieblingsautors an einem Ort zu besuchen, an dem ich auch bereits internationale Künstler:innen und Bands live gesehen habe. Und auch Benedict Wells ist mittlerweile zwar mit seinen Werken international bekannt geworden, dennoch musste ich zweimal hinschauen, als mir beim Betreten der Halle sowohl an der Tür als auch an der Rolltreppe ein Schild ins Auge fiel, das auf ein Foto- und Videoverbot hinwies. Ernsthaft?! Das konnte und wollte ich sowohl nach all meinen Erfahrungen auf den Lesungen in den vergangenen Jahren als auch nach dem Entdecken verschiedenster Fotos und Clips jüngster Lesungen nicht ganz glauben. Erst, nachdem ich dann in der Halle Platz genommen hatte (und in einem für Fotos/Videos ohnehin eher ungünstigen seitlichen Winkel zur Bühne saß), habe ich mich dann wohl oder übel mit diesem Schicksal abgefunden – zumal ich, wenn ich ehrlich bin, eigentlich so oder so vorgehabt hatte, diese letzte Lesung voll und ganz auf mich wirken zu lassen, ohne Handy, Notizbuch und Stift in der Hand. Das habe ich tatsächlich auch gemacht und sehr genossen, dennoch sollte es auch diesmal wenigstens einen (halbwegs kurzen) Lesungsbericht geben (inklusive ein paar weniger heimlicher Schnappschüsse, die ich natürlich nicht veröffentlicht hätte, wenn mir der Autor nach der Lesung nicht selbst versichert hätte, dass das Verbot absoluter Quatsch gewesen sei!), meine persönlichen Wells-Lesungschroniken wollen schließlich fortgeschrieben werden.

Bald nach Beginn war auch schon eines klar: Für Wells, der einst ganz in der Nähe von Kempten mehrere Jahre ein Internat besucht hatte, war die Lesung sowohl eine Art Heimspiel als auch ein kleiner „trip down memory lane“. So waren einige Wegbegleiter:innen auch aus der Zeit vor Ort, als der Autor selbst so alt war wie sein Protagonist Sam aus Hard Land, was nicht nur für eine ganz besondere Stimmung im Saal sorgte, sondern ihm auch die ein oder andere Anekdote entlockte. Nervöser sei er als bei anderen Lesungen, gab Wells zu. „Pf, Lübeck, alles egal! Aber hier, da kennen mich noch welche aus der Zeit, als ich 15 war und das war wahrlich keine Sternstunde damals“, bemerkte er einleitend. Doch nach einem anfänglichen wilden Geblättere durch die frisch erschienene und jungfräulich unmarkierte Taschenbuchausgabe von Hard Land, einer ersten vorgelesenen Textstelle sowie den ersten paar Songs von Jacob Brass schien die Nervosität einem Wohlbehagen mit einem Schuss Nostalgie gewichen zu sein. So zeigte Wells die Analogien zu, aber auch die großen Unterschiede zwischen seiner Jugend im Füssen der 90er und seiner Coming-of-Age Geschichte über den 15-jährigen Sam in den USA der 80er auf. Bezugnehmend auf eine Textstelle aus Hard Land erzählte er auch, wie er im Hogau gelernt habe, einen Fuß aufzusetzen, und erst später mit Anfang 20 den wirklich essenziellen Part mit der Hand an der Wand. Auch sei es in Bayern im Gegensatz zu den USA kein allzu großes Problem, als Minderjähriger an ein Bier zu kommen, bemerkte er lachend.

Neben vielen vergnüglichen Lesungsabschnitten voller Humor gab es – ganz in Wells-Manier – jedoch auch den ein oder anderen emotionalen, berührenden Moment an jenem Abend, gerade während der interaktiven Fragerunde, bei der der Autor unbeschönigte, ehrliche Antworten gab und dabei bisweilen tief blicken ließ. So berichtete er auf eine Frage nach dem Schreibprozess von Hard Land, dass er den Roman nach dem Tod seiner Mutter vermutlich nicht mehr hätte so schreiben können, wäre das Buch zu dem Zeitpunkt nicht schon soweit geschrieben gewesen. Erstaunlich und bewegend ist diese Aussage vor allem auch deshalb, weil Wells noch vor zwei Jahren, nach der Veröffentlichung des Romans, nie explizit erwähnt, sondern stets nur angedeutet hatte, welch schweren Verlust er davor erlitten hatte. Überhaupt fällt auf, wie offen und stark der Autor in den vergangenen zwei Jahren bei Lesungen und im Rahmen von Interviews und Gesprächen gerade in Bezug auf das Thema Trauer und Verlust geworden ist. Beeindruckend war in diesem Zusammenhang auch seine Reaktion auf die großartige Frage einer Zuhörerin (falls diese Person das hier zufälligerweise lesen sollte: DANKE für diesen schönen Einfall!), was denn sein letztes persönliches Zitat in Kirsties Zitatesammlung wäre. Mein Notizbuch ist, wie bereits erwähnt, an dem Abend nicht groß zum Einsatz gekommen, aber den kurzen Text zum Thema Verlust, den er zitierte, setzte er grob in den Kontext einer Beerdigung, die er einen Tag davor besucht hatte. Ein bewegender Moment, bei dem sich das Publikum tief berührt zeigte.

Im Rahmen der Fragerunde erklärte der Autor auch, dass er seine eigene Coming-of-Age-Geschichte im Allgäu der 90er so zwar nie hätte schreiben können. Trotzdem transformiere er sein Erlebtes in all seinen Romanen auf die ein oder andere Weise. „Alle Bücher sind Ersatzgeschichten für die Worte, die ich nie hatte. Ich habe nie das gesagt, was ich gefühlt habe, sondern stattdessen immer etwas, was meilenweit danebenlag“, schilderte Wells in diesem Zusammenhang. Spannend für mich war außerdem zu erfahren, dass Sam in Hard Land auch einst eine musikverrückte Tante Jill hatte, die anstatt seiner Mutter todkrank war, in späteren Fassungen jedoch verschwand. Er habe vermeiden wollen, dass ihm unterstellt werde, er schreibe immer das Gleiche, doch irgendwann habe er selbst angefangen, genau wie sein Protagonist Sam Tante Jill zu hassen, weshalb er die Geschichte dann noch einmal komplett umgeschrieben haben, erklärte Wells. Einerseits war dies sicherlich die richtige Entscheidung für das Buch, andererseits ist man als Leser:in nun doch irgendwie neugierig auf Tante Jill – genauso wie ich persönlich zum Beispiel auch nur allzu gerne einmal Robert Becks Schwester Nina, die es nie in die finale Version von Becks letzter Sommer geschafft hat, kennengelernt hätte. Apropos Beck: Nachdem der Autor von dem Abschiedsschmerz berichtete, den er fühlte, nachdem er Hard Land beendet hatte, und er gleichzeitig jedoch bekräftigte, dass er nie wieder einen Fuß in die Welt von Vom Ende der Einsamkeit setzen wolle, dies damit jedoch zumindest indirekt nicht auch für Becks letzter Sommer geltend machte, wurde in mir wieder einmal ein ganz kleines Fünkchen Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Beck und Rauli geschürt, aber eigentlich sollte ich es mittlerweile auch besser wissen, von daher: Let’s not get into that. 

Gespannt war ich jedenfalls auch auf die Auswahl der Textstellen für diesen Tourleg: Wären es diesmal wieder die gleichen oder ganz andere? Tatsächlich hatte ich alle Textpassagen bis auf eine (glaube ich) schon mindestens einmal, tendenziell jedoch bereits mehrmals auf den vorherigen Lesungen gehört – was ich jedoch alles andere als negativ empfunden habe, im Gegenteil: Insgeheim hatte ich sogar gehofft, dass Wells noch einmal die ein oder andere meiner absoluten Lieblingsstellen im Roman lesen würde. Und erklärt mich nun ruhig für verrückt, aber vermutlich könnte ich die Szene in der Fabrikhalle oder den Abschnitt, in dem Kirstie Sam ihre liebste Filmszene beschreibt, noch hundertmal lesen/hören und ich würde trotzdem jedes Mal wieder eine Gänsehaut bekommen, mir denken „Verdammt, ist das brillant!!“ und mich fragen, wie Benedict Wells das nur schafft, so(was) zu schreiben. Und so ähnlich geht es mir ja auch auf Konzerten meiner Lieblingsbands und -künstler: Auch hier ist es für mich auch nach zigmaligem Hören – ob live oder auf Platte (aber vor allem live!) – noch jedes Mal etwas Besonderes und ein Gänsehautgarant, meine liebsten Songs zu hören. It’s that kind of magic, Punkt. Und genau das ist es auch, was für mich persönlich echte Talente und einzigartige Werke ausmacht.

Und wenn wir gerade schon bei echten Talenten sind, soll auch hier nicht unerwähnt bleiben, wie unglaublich gut Jacob Brass in Kempten geklungen hat: Stimme und Gitarre waren einfach perfekt. Der Künstler selbst schob es, nach der Lesung darauf angesprochen, zwar auf die gute Arbeit der Sounddesk-Leute, aber wie sein Bühnenkollege Wells war er in Kempten wirklich in Topform und trug mit seinen eigenen Songs (besonders „Run Away“ und „Circletown“ könnte ich genau wie die Textstellen aus dem Roman in Dauerschleife hören) und 80er Covern (ganz viel Liebe hier für  Jacobs spezielle Mashup-Version von „Drive“!) die zum Buch passende euphancholische Stimmung durch den Abend. Ein ganz besonderes Schmankerl gab es dann auch noch zum Schluss mit einer neuen Ergänzung auf der Setlist: Offenbar ihrem neuen Vorhaben folgend, ab sofort professioneller zu werden, gaben Brass und Wells zusammen a-has bekannte 80er-Hymne „Take On Me“ zum Besten und mussten das Publikum nicht zweimal zum Mitsingen und -klatschen bitten. Ein einmaliger Moment und überhaupt ein großartiger Abend, an den ich mich sicher noch lange erinnern werde – besonders beim Tragen meines neuen Euphancholie-T-Shirts, das ich in Kempten erstanden habe. Und wie bei Bandshirts freue ich mich schon jetzt auf den Moment, irgendwann einer/einem anderen Gleichgesinnten zu begegnen, sich wissend anzulächeln und automatisch miteinander verbunden zu fühlen – noch so ein wunderbarer Effekt von Musik und Literatur.

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