Rezension: „Die weiteren Aussichten“ von Robert Seethaler

Eine aberwitzige Geschichte mit viel Liebe zum Detail

Schon wieder eine Rezension zu einem Roman von Robert Seethaler? Ich fürchte ja. Ich kriege momentan einfach nicht genug von den besonderen Geschichten und dem noch einmaligeren Schreibstil dieses Schriftstellers. Deswegen musste ich erneut meiner Seethaler-Sucht nachgeben und habe Die weiteren Aussichten gelesen. Ähnlich wie bei meiner Lektüre von Der Trafikant stellte sich auch dieses Mal sofort wieder das heimelige Gefühl ein, mit der Geschichte und ihren Charakteren direkt vertraut zu sein – ich war sofort wieder gefesselt.

Dabei beginnt der Roman wieder typischerweise recht unspektakulär. Dem Leser werden nacheinander Herbert Szevko, dessen Fisch Georg und Herberts Mutter Helene vorgestellt. Die Szevkos betreiben eine Tankstelle am Rande der Landstraße, führen ein beschauliches, recht ereignisloses Leben und haben sich nicht besonders viel zu sagen. Frau Szevko ist schon alt und recht eigenbrötlerisch, ihr Sohn Herbert wurde bereits als Kind wegen seiner Epilepsie und seiner großgewachsenen Statur als Trottel abgestempelt und wird nun als Sonderling behandelt. Der einfältige Alltag der Szevkos ändert sich allerdings schlagartig, als die füllige Putzfrau Hilde Matusovsky eines Tages auf ihrem blauen Klapprad an der Tankstelle vorbeifährt und dem schlaksigen Herbert gehörig den Kopf verdreht. Herberts, Hildes, Helenes und selbst Georgs Schicksale nehmen von da an ungewohnte und vor allem unerwartete Wege. Robert Seethaler nimmt seine Leser mit auf eine abenteuerliche und aberwitzige Reise, bei der kein Auge trocken bleibt – meistens vor Lachen, manchmal aber auch vor Weinen.

Ein bisschen kam mir Die weiteren Aussichten wie eine Mischung aus Ein ganzes Leben und Der Trafikant vor: Hier werden die ländliche Idylle und unglaubliche Unaufgeregtheit aus Ein ganzes Leben mit der endlosen Liebe zu den Figuren und der Detailgenauigkeit aus Der Trafikant zu etwas ganz Besonderem gepaart. In allen drei Romanen fallen Seethalers großes Interesse an den ganz einfachen, unscheinbaren Leuten, die selten Beachtung finden, und sein unbändiges Engagement für diese Menschen und ihre Schicksale auf. Und genau wie bei Ein ganzes Leben lässt auch Die weiteren Aussichten anfänglich ganz und gar nicht vermuten, was wirklich zwischen den Seiten steckt und was sich nach und nach Großes aus all den Buchstaben entfaltet. Tatsächlich hätte ich bei der Erzählung um die Szevkos und Hilde beim besten Willen nicht mit dem gerechnet, was den Charakteren letztendlich alles zustößt. Die Geschichte wartet nämlich mit einigen Überraschungen auf, die mich mehr als einmal kalt erwischt haben. Nicht nur diese Unberechenbarkeit und Originalität sorgten für ein unterhaltsames Leseerlebnis.

Große Freude bereiteten mir auch die wieder einmal unermesslich liebevoll gezeichneten Charaktere. Robert Seethaler gelingt es, immens plastische Figuren zu erschaffen und die Geschichte von Anfang bis Ende ganz dicht an seinen Charakteren zu erzählen, und das gilt nicht nur für die Protagonisten! Ob eigenwillige Alte, lebenshungriger Außenseiter, brutaler Schläger, gemütlicher Dorfpolizist, verbitterte Hotelbesitzerin oder sogar „nur“ ein Fisch – der österreichische Schriftsteller schafft es mühelos, seinen Lesern die Gedanken und die Gefühlswelt seiner Figuren versteh-, greif- und sogar spürbar näherzubringen. Diese Liebe zum Detail macht aber bei den stets ausführlichen Charakterbeschreibungen nicht Halt, sondern weitet sich auch auf die Darstellung des Geschehens und der Illustration der Landschaft und der Orte aus. Dank Seethalers charakteristischer atmosphärischer und bildhafter Sprache war es für mich erneut ein Leichtes, mich während des Lesens inmitten des Geschehens vorzustellen und der Handlung stets unmittelbar folgen zu können.

Vor diesem Hintergrund ist es dann natürlich auch kein Wunder, wenn einem die Figuren wieder unverzüglich ans Herz wachsen. Obwohl sie so gegensätzlich sind (oder vielleicht auch gerade deswegen), sind der große, schlanke Herbert und die kleine, rundliche Hilde das perfekte Dream Team, das man einfach lieben muss. Die beiden mögen nicht sonderlich gesprächig sein und sind vielleicht ein bisschen einfältig, aber ihre Herzen haben sie am richtigen Fleck. Und was wäre das Duo ohne Georg? Im Grunde genommen ist nämlich der kleine gelbe Fisch der heimliche Star der Geschichte. Man hofft nicht nur auf ein Happy End für Herbert und Hilde, sondern sorgt sich zwangsläufig eben auch um Georgs Schicksal – und dass es Seethaler mit einer derartigen Leichtigkeit gelingt, die Leser an seine Figuren zu binden, empfinde ich als zutiefst beeindruckend und schlichtweg herzerwärmend.

Zu Robert Seethalers Sprache, Erzählweise und seinem einzigartigen Schreibstil habe ich bereits in meinen Rezensionen zu Ein ganzes Leben und Der Trafikant viel gesagt, deswegen möchte ich mich hier nicht wiederholen und mit Lobgesängen eventuell langweilen. Allerdings ist mir bei Die weiteren Aussichten eine Besonderheit aufgefallen, die wahrscheinlich auch auf Ein ganzes Leben zutrifft, welche ich aber noch nicht angesprochen habe und welche hier – zumindest für mich – ohnehin noch viel präsenter schien. Und zwar kommt die Geschichte um Herbert und Hilde mit sehr wenigen Dialogen aus, was natürlich auch an den generell wortkargen Charakteren liegt, den Fokus aber umso mehr auf das Innere der Figuren richtet. Seethaler beschäftigt sich in diesem Roman vor allem mit den Gedankengängen und dem Seelenleben seiner Charaktere, legt dadurch oftmals ihre Herzen frei und eröffnet unterschiedliche Perspektiven. Das tut er wiederum auf seine typisch unaufgeregte Weise und mit seiner nüchternen, teils schroffen, teils zarten Sprache. Diesmal sind die Sätze allerdings (passend zum dörflichen Charakter der Geschichte) noch einfacher, noch kürzer (ja geradezu abgehackt) gehalten, der Humor fast noch etwas trockener. Nichtsdestotrotz strahlt jede Zeile eine wohlige Wärme aus und es schwingt in beinahe jedem Satz ein bisschen Poesie mit.

Wie Ein ganzes Leben hat mich Die weiteren Aussichten unerwartet bewegt, wie bei Der Trafikant sind mir die Figuren auch diesmal wieder ein bisschen zu Freunden geworden. Aber die Geschichte an sich hat mich noch mehr überrascht als die anderen beiden. Eigentlich habe ich mich fast ein bisschen überrumpelt gefühlt, denn weder der Klappentext noch die Anfänge der Erzählung lassen eine derartige Entwicklung der Handlung vermuten, wie sie in Die weiteren Aussichten schließlich ihren Lauf nimmt. Aus diesem Grund sei gesagt oder auch gewarnt: Auch wenn er anfangs vielleicht nicht den Anschein erweckt, hat der Roman es doch gewaltig in sich! Dass es sich um eine unfassbar komische Geschichte handelt, das ist sofort klar, aber dass sie an vielen Stellen auch gleichzeitig so herzerweichend sein kann, darauf ist man zu Beginn eventuell noch nicht gewappnet. Ganz zu schweigen von manchen skurrilen, fast abstrusen Wendungen, die der Erzählung einen Aberwitz verleihen, dessen Ausmaße man zunächst nicht einmal annähernd erahnen kann. Was diese Tendenz zum Grotesken angeht, war mir das dann mit der Zeit auch ein Hauch zu viel des Guten, weswegen ich mir vorstellen kann, dass dieser Roman vielleicht nicht jedermanns Sache sein könnte. Ich habe Die weiteren Aussichten dennoch gerne zu Ende gelesen, mitgefiebert und mich sehr gut unterhalten gefühlt.

Infos zum Buch:

Verlag: Kein & Aber

Erschienen: September 2016

ISBN: 978-3-0369-5645-9

Seitenanzahl: 320

Homepage: https://keinundaber.ch/de/literary-work/die-weiteren-aussichten/

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Kommentare

  1. Julia | Literameer

    Liebe Elena,

    du bist in deiner Begeisterung für Seethaler wirklich sehr überzeugend, das finde ich schön 🙂

    Liebe Grüße
    Julia

    1. Liebe Julia,

      danke dir, das freut mich zu hören! Ich hoffe, ich konnte bei dir mittlerweile auch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten und wäre in dem Fall sehr gespannt, wie es dir mit Seethaler ergeht. 🙂

      Ganz liebe Grüße und dir noch einen schönen Sonntagabend,
      Elena

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