Rezension: “Kleine Paläste” von Andreas Moster

„The grass is always greener on the other side” – oder doch nicht?!

Blumige, leicht dramatisch anmutende Buchcover? Eher nicht so meins, da sind mir subtilere Covergestaltungen eigentlich lieber. Was jedoch geheimnisvolle, ambivalente und offensichtlich deutungsbeladene Buchtitel betrifft, da gehe ich schon eher mit. An neuen, (zumindest mir) noch relativ unbekannten Autor*innen bin ich sowieso immer interessiert, und so war meine Neugier geweckt, als ich im vergangenen Sommer auf Kleine Paläste von Andreas Moster gestoßen bin. Lediglich dreizehn Wörter – nämlich den allerersten Satz – hat es beim Probelesen gebraucht, um mich in die Geschichte zu ziehen, und nach dem Prolog war es dann komplett um mich geschehen: Der lakonische, zynische Erzählton, die schiere Skurrilität der geschilderten Szenerie sowie eine noch nicht ganz auszumachende düstere, atmosphärische Grundstimmung gepaart mit einer imposanten Sprachgewalt, die einen direkt umhaut, trafen bei mir – sprichwörtlich – ins Schwarze und die darauffolgenden Kapitel versprachen noch mehr davon. Dieses Buch musste ich (weiter-)lesen! Und mein von Anfang gutes Gefühl bezüglich des Romans sollte mich nicht trügen: Kleine Paläste wurde für mich zu einem absoluten Lesehighlight im vergangenen Jahr.

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Rezension: “Das Nest” von Katrine Engberg

Kopenhagens schrecklich „nette“ Familien

Früher haben sich kaum bis eigentlich gar keine Krimis oder Thriller auf meinen Lesestapel verirrt. Der Großteil dieser Genres erschien mir oft viel zu reißerisch, blutig, mitunter auch banal und – gemessen an meinen literarischen Vorlieben – sprachlich viel zu anspruchslos. Die dänische Autorin Katrine Engberg hat mich vor einigen Jahren glücklicherweise eines Besseren belehrt und mit ihrer 2016 begonnen Kopenhagen-Serie um das Ermittlerduo Anette Werner und Jeppe Kørner gezeigt, dass es in diesem Genrebereich auch durchaus anders geht. Seitdem freue ich mich auf jede Fortsetzung, denn mit jedem Teil ihrer Thrillerreihe konnte Engberg bisher noch eine Schippe drauflegen: Während sie mit Krokodilwächter schon einen fulminanten Start hingelegt hatte, konnte mich der Nachfolger Blutmond noch ein bisschen mehr mitreißen und Glasflügel hat mich wirklich restlos begeistert. Groß war deshalb meine Vorfreude auf, aber noch etwas größer waren auch meine Erwartungen an Das Nest, den vierten und vorletzten Teil der Serie, den ich schließlich im Urlaub innerhalb kürzester Zeit verschlungen habe. Zwar kommt der neueste Fall von Werner und Kørner nicht ganz an das extrem spannungsreiche Tempo seiner Vorgänger heran und weist am Ende die ein oder andere kleine Ungereimtheit auf, dennoch liefert Engberg hier mit Das Nest wieder ein sprachlich brillantes und thematisch vielfältiges sowie relevantes Werk mit liebevoll gestalteten und vor allem unglaublich authentischen Charakteren, die man wegen oder auch trotz all ihrer Stärken und Schwächen – sprich gerade aufgrund ihrer Menschlichkeit – nur ins Herz schließen kann.

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Rezension: “Noah: Von einem, der überlebte” von Takis Würger

Vom Kampf ums Überleben und gegen das Vergessen

In den vergangenen Jahren hat es wohl nur wenige Neuerscheinungen gegeben, die für so viel Gesprächs- und vor allem Zündstoff innerhalb der Literaturbranche gesorgt haben wie Takis Würgers Roman Stella. Trotz der massiven Kritik – oder vermutlich eher:  Der massiven Kritik zum Trotz –, die Würger damals vor allem von Seiten des Feuilletons einstecken musste, hat er sich mit seinem Nachfolger Noah: Von einem, der überlebte erneut in ähnliche Wasser begeben: Auf rund 150 Seiten schildert er die Lebensgeschichte des Auschwitz-Überlebenden Noah Klieger. Bereits bei einer Lesung Anfang 2019 hatte er von seiner Arbeit an dem Buch und seiner gemeinsamen Zeit mit Klieger erzählt und schon da war Würger deutlich anzumerken, wie sehr ihn dieses dunkle Thema der Geschichte im Allgemeinen und Noahs persönliche Geschichte im Besonderen beschäftigen. Damals äußerte der Autor auch, dass er schon auf die Reaktionen des Feuilletons auf sein neues Werk gespannt sei. Nun, etwa zwei Jahre später, liegt das Ergebnis seiner Bemühungen vor und die Kritiker haben gegenüber Würger diesmal größtenteils Gnade walten lassen, doch zwischen den vielen anerkennenden Worten sind auch ein paar kritische Töne zu vernehmen. Auch mit Noah liefert Takis Würger also wieder reichlich Gesprächsstoff. Das ist aber auch gut so, denn dieses Buch hat vor allem aufgrund seines aufschlussreichen, berührenden Inhalts sämtliche Aufmerksamkeit und insbesondere eine große Leserschaft verdient.

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Rezension: “Shuggie Bain” von Douglas Stuart

Zwischen Anmut und Hässlichkeit, Hoffnung und Verzweiflung, Empathie und Abscheu

Für gewöhnlich mache ich mir nicht viel aus (inter-)nationalen Literaturpreisen. Okay, zugegeben, im Sommer schmökere ich dann doch ganz gerne durch das Leseprobenheft mit den Nominierten des Deutschen Buchpreises, aber hauptsächlich aus Gründen der Inspiration – den Gewinner lese ich dann trotzdem nur, wenn er mich inhaltlich anspricht, und nicht wegen seiner Auszeichnung. Oft treffen die Preisträger nämlich nicht so richtig meinen Geschmack. Dass der Gewinner des Booker Prizes 2020, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, hier für mich jedoch eine schöne Ausnahme sein würde, das wusste ich schon, nachdem ich den Klappentext von Douglas Stuarts Debüt Shuggie Bain gelesen hatte: Ein Roman, der in Schottland spielt und alles andere als leichte Kost zu sein scheint, der wandert bei mir natürlich ohne Umwege direkt auf die vorderen Plätze der Leseliste. Zwar hat es dann letztendlich noch ein bisschen gedauert, bis ich mich Shuggie Bain widmen konnte, doch dann habe ich mich dieser herzzerreißenden, bedrückenden, bisweilen schonungslosen und gleichzeitig zärtlichen Geschichte, bei der trotz all der Düsternis und des Elends immer wieder Funken voller Hoffnung, Wärme und Mitgefühl zum Leser überspringen, völlig hingegeben und wurde nachhaltig beeindruckt.

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Rezension: “Immer noch wach” von Fabian Neidhardt

Was am Ende wirklich zählt

Wenn ich in eine Buchhandlung gehe, habe ich eigentlich in 99% der Fälle bereits vor Augen, welches Buch beziehungsweise welche Bücher ich mitnehmen werde, denn meine Bücherwunschliste ist lang und wird immer länger. Trotzdem stöbere ich gern, auch wenn mich dann wirklich selten ein Buch spontan so sehr anspricht, dass ich es unbedingt und sofort haben muss. Am vergangenen Samstag ist aber tatsächlich wieder einmal einer dieser raren Fälle eingetreten: Kurz nach dem Betreten des Buchladens ist mir in der Auslage nahe des Eingangs Immer noch wach von Fabian Neidhardt ins Auge gestochen. Den Namen des Autors und den Titel des Buches hatte ich bis dahin weder gehört noch gesehen, aber die Covergestaltung war auf Anhieb so ansprechend, dass meine Aufmerksamkeit geweckt war. Aber nicht nur die Optik war für mich sofort interessant, sondern auch der Klappentext: Die beschriebene Geschichte voller Schwermut, aber auch Tragikomik klang genau nach meinem Geschmack. Also schnappte ich mir das hübsche Büchlein und trug es nachfolgend quer durch den Laden – nur um es vor dem Rausgehen wieder an seinen ursprünglichen Platz zurückzustellen. „Brauche ich diesen Roman wirklich jetzt auf der Stelle, obwohl so viele andere tolle Bücher schon so lange ein unbestimmtes Dasein auf meiner Wunschliste fristen?“, fragte mich beim Stöbern die Stimme der Vernunft in meinem Kopf immer wieder und so beschloss ich, Immer noch wach auch erstmal auf die Warte-/Wunschliste zu setzen. Das Ende der Geschichte war dann allerdings, dass mir der Roman danach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, sodass ich letztendlich später noch mal extra zu der Buchhandlung zurückgelaufen bin und mir das Buch doch noch gekauft habe. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich das getan habe, denn hier lag ich mit meinem Instinkt wirklich goldrichtig: Zwischen diesen beiden – ich muss es noch einmal betonen – hübsch gestalteten Buchdeckeln steckt eine wirklich besondere und vor allem besonders erzählte Geschichte, die nachhaltig beschäftigt.

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