Rezension: “Noah: Von einem, der überlebte” von Takis Würger

Vom Kampf ums Überleben und gegen das Vergessen

In den vergangenen Jahren hat es wohl nur wenige Neuerscheinungen gegeben, die für so viel Gesprächs- und vor allem Zündstoff innerhalb der Literaturbranche gesorgt haben wie Takis Würgers Roman Stella. Trotz der massiven Kritik – oder vermutlich eher:  Der massiven Kritik zum Trotz –, die Würger damals vor allem von Seiten des Feuilletons einstecken musste, hat er sich mit seinem Nachfolger Noah: Von einem, der überlebte erneut in ähnliche Wasser begeben: Auf rund 150 Seiten schildert er die Lebensgeschichte des Auschwitz-Überlebenden Noah Klieger. Bereits bei einer Lesung Anfang 2019 hatte er von seiner Arbeit an dem Buch und seiner gemeinsamen Zeit mit Klieger erzählt und schon da war Würger deutlich anzumerken, wie sehr ihn dieses dunkle Thema der Geschichte im Allgemeinen und Noahs persönliche Geschichte im Besonderen beschäftigen. Damals äußerte der Autor auch, dass er schon auf die Reaktionen des Feuilletons auf sein neues Werk gespannt sei. Nun, etwa zwei Jahre später, liegt das Ergebnis seiner Bemühungen vor und die Kritiker haben gegenüber Würger diesmal größtenteils Gnade walten lassen, doch zwischen den vielen anerkennenden Worten sind auch ein paar kritische Töne zu vernehmen. Auch mit Noah liefert Takis Würger also wieder reichlich Gesprächsstoff. Das ist aber auch gut so, denn dieses Buch hat vor allem aufgrund seines aufschlussreichen, berührenden Inhalts sämtliche Aufmerksamkeit und insbesondere eine große Leserschaft verdient.

In Noah hat Takis Würger die Geschichte des 1925 in Straßburg geborenen Shoah-Überlebenden Norbert (genannt Noah) Klieger niedergeschrieben – so, wie sie sie dem zum Zeitpunkt ihrer Treffen damals 93-Jährigen in Erinnerung war und wie er sie Würger in der Tradition der „Oral History“ in unzähligen gemeinsamen Gesprächen erzählt hat. Diese Geschichte hat Würger in seinem Buch schließlich in vier Teile aufgegliedert: Der erste und längste ist Noahs Kindheit und Jugend gewidmet und konzentriert sich vor allem auf dessen schreckliche Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und auf den anschließenden Todesmärschen, während im zweiten Teil Noahs Erlebnisse nach der Befreiung und seine Rückkehr nach Brüssel geschildert werden. Im dritten Teil wird von Noahs mehr als abenteuerlicher Fahrt mit der „Exodus 1947“ erzählt, einem Dampfschiff, mit dem 4.500 jüdische Überlebende nach Palästina gebracht werden sollten, um dort die Staatsgründung Israels voranzutreiben. Wie es bedeutenden Weggefährten Noahs und einigen anderen Personen, mit denen sich dessen Wege teils auf schicksalhafte Weise gekreuzt haben und die im Buch Erwähnung finden, später noch erging, erfährt der Leser im vierten und letzten Teil des Buches, in dem auch ein Einblick in Noahs Gedankenwelt in Bezug auf die schier unsagbaren Dinge, die ihm widerfahren sind, sowie den Holocaust gewährt wird. An die eigentliche Geschichte reihen sich zudem noch zwei bereichernde Nachworte von Würger selbst und Noahs Nichte Alice Klieger sowie ein informativer Essay von Sharon Kangisser Cohen, Holocaust-Forscherin und Herausgeberin der Yad Vashem Studies, an.

Von Anfang an liest sich Noah wie eine extrem spannende Abenteuergeschichte, innerhalb weniger Seiten überschlagen sich die Ereignisse, als Leser verfolgt man die Geschehnisse fieberhaft mit und hat, eh man sich versieht, in kürzester Zeit bereits das halbe Buch gelesen. Bereits im Vorwort wird Noah Klieger folgendermaßen zitiert: „Ich weiß, es ist schwer zu ertragen, aber es war so.“ (S.7) Und so ist man sich beim Lesen auch immerfort bewusst, dass es sich hierbei eben nicht um eine fiktive Abenteuergeschichte handelt, sondern um reale Begebenheiten, die dem Titelhelden genau so – oder zumindest sehr wahrscheinlich so oder so ähnlich, eben wie sich Noah selbst daran erinnert – passiert sind. Und Vieles davon ist nicht nur ihm widerfahren, sondern unzähligen anderen Menschen. Diese Erkenntnis macht unheimlich betroffen und zwang mich beim Lesen immer wieder dazu, das Buch kurz wegzulegen und das Gelesene für einen Moment sacken zu lassen. Noah ist nicht das erste Buch über den Holocaust und auch nicht der erste Zeitzeugenbericht, das bzw. den ich lese, außerdem greife ich lektüretechnisch ohnehin überwiegend zu schwererer Kost, doch beim Lesen von Noahs Geschichte musste ich das Buch viele Male absolut fassungslos beiseitelegen und tief schlucken – beispielsweise an folgenden Stellen:

„Der Zaun hinter Noahs Block war mit Starkstrom geladen. Es war verboten, näher als zwei Meter an ihn heranzutreten. Manchmal fasste jemand hinein. Eine Leiche muss keine Zementsäcke tragen. Eine Leiche hungert nicht. Eine Leiche wird nicht geschlagen. Eine Leiche friert nicht. Eine Leiche hat keine eiternden Wunden an den Füßen von den Holzschuhen. Eine Leiche ist frei.“ (S.41)

„Noah hörte den Satz. Dass ich noch ein Mensch bin? Waren sie das? Noch Menschen? Graue Wesen mit aufgedunsenen Gesichtern am Morgen und hohlen Gesichtern am Abend. Gestalten, die nach 20 Minuten im Krematorium zu zwei Händen Asche zerfielen. Konnten Nummern Menschen sein?“ (S.57)

Schilderungen wie diese sowie zahlreiche andere haben mich nach dem Lesen so sehr beschäftigt, dass ich mir lange darüber Gedanken gemacht habe und ob meiner großen Fassungslosigkeit vor allem großen Redebedarf verspürte. Das war in den besagten Momenten zwar auch etwas belastend, aber im Großen und Ganzen ein sehr positiver Effekt, denn teilweise geht es mir auch jetzt noch so und ich weiß, dass ich Noah und seine Geschichte nie vergessen werde. Und genau darum geht es ja auch bei Büchern wie Noah: Sie müssen wehtun, erschüttern und zum Denken anregen, um möglichst lange nachzuhallen und damit gegen das Vergessen zu wirken.

Dafür benötigt die Erzählung, wie man vielleicht auch bereits an den obigen Zitaten erkennen kann, weder große Ausschmückungen noch eine hochemotionale Sprache zwingend. Takis Würger kommt in Noah sehr gut ohne beides aus: Wie bereits in seinen vorhergehenden Werken, wird die Geschichte in vorwiegend knappen, klaren Sätzen und in recht einfacher Sprache erzählt, auch hier trifft man wieder auf Würgers mittlerweile typischen sachlichen Stil, der in diesem Fall vor dem Hintergrund der teils furchtbaren Ereignisse, die geschildert werden, noch ein Stückchen nüchterner, ja stellenweise sogar erstaunlich kühl wirkt. Während einige Kritiker Würger diese Sachlichkeit zum Vorwurf machen, sehe ich sie als deutliche Stärke des Buches: Zum einen lässt sich das Grauen der Konzentrationslager ohnehin kaum in Worte fassen und bedarf deshalb auch keiner übermäßiger und in dem Fall auch unnötiger Ausschmückungen, zum anderen geht das Beschriebene dem Leser auf diese Art schonungslos, ungefiltert und ohne Umwege direkt durch Mark und Bein und im Anschluss ins Herz. Auf eine ähnlich intensive und unmittelbare Weise hat das bei mir nur Robert Seethaler mit seinem lakonischen, unverblümten Stil in Ein ganzes Leben und Das Feld geschafft, die in Sachen „mit Klebezetteln markierte Stellen, die mich nachhaltig beeindruckt haben“ mit Takis Würgers Noah nun in jedem Fall einen ernsthaften Konkurrenten bekommen haben.

Die markierten Textstellen verteilen sich im Übrigen nicht nur auf den Part des Buches, in dem es um Noahs Zeit in Auschwitz geht, sondern auf das gesamte Werk. Denn auch nachdem Noah Klieger das Martyrium der Konzentrationslager und Todesmärsche überstanden hatte, wurden ihm, beinahe einer Odyssee gleich, noch viele, teils extrem beschwerliche Hürden in den Weg gelegt. So war ich zunächst vor allem vom Fortgang der Geschichte sehr überrascht, musste später aber immer mehr den Kopf schütteln und oft fragte ich mich, wie viel ein Mensch ertragen kann und vor allem: Wie viel Pech kann ein einzelner Mensch nur haben? Gleichzeitig liest sich Noahs Lebensgeschichte auch wiederum wie eine Geschichte voller Wunder, denn Noah hatte – zumindest gemäß seiner Erzählung beziehungsweise seinen Erinnerungen – auch sehr viel „Glück“ im Unglück (wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Glück reden kann, weshalb das Wort hier auch in Anführungszeichen steht), was wohl vor allem, aber nicht nur seiner bemerkenswerten Kämpfernatur und Furchtlosigkeit sowie seinem unbedingten Lebenswillen geschuldet ist. So überlebte er Auschwitz vermutlich nur, weil er sich als Boxer ausgab, obwohl er bis dahin nie geboxt hatte, und so einen zusätzlichen halben Liter Suppe pro Tag erhielt, der für ihn letztendlich den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachte. Das Schicksal hatte, wie in Noah nachzulesen ist, noch viel vor mit dem Straßburger Jungen mit den auffallend grünen Augen. Und unser großes Glück ist es nun, dass wir dank Takis Würgers bewegendem Buch an Noahs eindrucksvoller Lebensgeschichte teilhaben, aber vor allem davon und daraus lernen und unsere Erkenntnisse und Gedanken dazu weitertragen können, gegen das Vergessen.

Werbung – Vielen Dank an dieser Stelle an den Penguin Verlag für das Leseexemplar und die Möglichkeit, dieses Buch besprechen zu dürfen.

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