Bericht: Lesung von Takis Würger am 13. März 2019 in Markdorf

Geschlagen, aber nicht besiegt: Takis Würger geht mit Charme, Witz und Aufrichtigkeit in die Offensive

„Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen“, „Gräuel im Kinderbuchstil“ oder „Schund, der nicht mal als Parodie durchginge“: Diese heftigen und etliche ähnlich ungnädige Kritiken vonseiten des Feuilletons brachen nach dem Erscheinen seines neuen Romans Stella über dem Schriftsteller und Journalisten Takis Würger mit einer beispiellosen Wucht herein. Auch ich hatte zugegebenermaßen das ein oder andere kleine Problemchen mit dem Buch, habe die um Stella entfachte Literatur-Debatte in den vergangenen Monaten allerdings oft kopfschüttelnd und teilweise auch fassungslos verfolgt, da ich vor allem die Schärfe der Kritik als größtenteils völlig überzogen empfunden habe. Um den Roman und die verschiedenen Meinungen dazu etwas besser zu verstehen, habe ich am vergangenen Mittwoch die Lesung von Takis Würger in der Buchhandlung RavensBuch in Markdorf besucht – und fast genau zwei Jahre nach seiner Lesung in Ravensburg einen erneut durchweg sympathischen, mittlerweile jedoch spürbar abgeklärteren, reflektierteren und in sich ruhenden jungen Schriftsteller angetroffen, der durch seine bisherigen Erfahrungen gewachsen ist.

Einen Hünen von einem Mann wie Takis Würger einer ist, den kann so schnell nichts umhauen, würde man meinen. Und tatsächlich steht der Jungautor, der mit der Veröffentlichung seines zweiten Romans vom gefeierten Liebling der Literaturbranche in erschreckend kurzer Zeit zum Skandalautor mutierte, noch fest auf beiden Beinen. Doch die vergangenen Monate haben ihm spürbar zugesetzt, das sieht man Würger nicht nur ein wenig an, das gibt er auch offen zu. Als ich in diesem Kontext Würgers etwas lädiertes Leseexemplar von Stella erblickte, kam ich nicht umhin, es als Sinnbild für die Strapazen zu sehen, die der Autor und sein Buch seit Anfang Januar durchgemacht haben: So, wie die lange Lesereise (sie umfasste insgesamt rund 50 Termine) der Ausgabe mittlerweile deutlich anzusehen ist, so haben die Reaktionen auf den Roman und die daran anschließende Debatte ihre Spuren bei dessen Verfasser hinterlassen. Würgers persönliches Exemplar von Stella wird von Duct Tape zusammengehalten, die rauen Zeiten sind ihm anzusehen, aber es ist noch einsatzbereit – quasi angeschlagen, aber ungebrochen. Das gilt auch für Takis Würger, für den in den vergangenen Wochen vor allem der Rückhalt, den er von Freunden, Familie, BuchhändlerInnen, LeserInnen und vom Hanser-Verlag erfahren hat, als symbolisches Duct Tape fungierte. Exakt dieses Wohlwollen brachten auch die Markdorfer BuchhändlerInnen und Lesungsgäste Takis Würger entgegen und bekamen dafür jede Menge Offenheit und Menschlichkeit vonseiten des Autors zurück: Mit Witz und Charme plauderte Würger aus dem Nähkästchen, ging unverhohlen darauf ein, wie er die Welle der Kritik persönlich erlebt (und überstanden) hat und gab dabei gelegentlich tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt.

Stella ist Takis Würgers fiktive Geschichte der real existierenden Jüdin Stella Goldschlag, die während des Zweiten Weltkriegs dazu gezwungen wurde, mit den Nationalsozialisten zu kollaborieren, um das Leben ihrer Eltern zu retten. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des 19-jährigen Schweizers Friedrich, der 1942 nach Berlin reist, weil er von der Wahrheit besessen ist, und sich dort in Stella verliebt. Dass Kristina Deike, Leiterin des Markdorfer RavensBuch-Standorts, den Beginn der Liebesgeschichte während ihrer kurzen Romanzusammenfassung damit umschrieb, dass die beiden im Hotel „zueinanderfanden“, brachte den Autor direkt zum Grinsen: „Die Zusammenfassung war ja sehr keusch“, lachte er. Auf die Antwort seiner Gesprächspartnerin, dass es ja auch ein seriöser Abend werden solle, witzelte er, in Teilen sei es ja auch ein seriöses Buch. Damit war der Grundstein für ein sympathisch angeregtes Gespräch und einen unterhaltsamen Abend gelegt, an dem Würger immer wieder unter Beweis stellte, dass ihm sein Humor trotz allem nicht vergangen ist und er auch nicht mit (selbst-)ironischen Bemerkungen geizt – scheinbar auch eine seiner Methoden, um mit all der Kritik teilweise umzugehen.

Würger berichtete zunächst von einem Abend in Berlin, an er nach einem Besuch im Musical „Cabaret“ von einem Freund von der historischen Stella Goldschlag erfahren hatte. Die „Nähe von Schönheit und Terror“ in dem Musical als auch in Stellas Geschichte faszinierten ihn, in einem Roman wollte er der Frage nachgehen, was er damals an der Stelle seiner Hauptfigur getan hätte – konkrete Antworten auf diese und andere in diesem Kontext aufkommende moralische Fragen geben wolle er in dem Buch allerdings nicht. „Ich bin ja auch kein Historiker oder Shoah-Experte, sondern Schriftsteller“, betonte er. Aber auch auf diesem Gebiet sei er ja noch lange kein alter Hase, denn während sein Debütroman Der Club größtenteils auf seinen persönlichen Erfahrungen basiere, habe er sich für Stella erst einmal alles anlesen müssen. „Die Arbeit am Roman war anstrengend“, gab er zu und kommt später genauer darauf zurück, wie zeitintensiv und aufwändig seine Recherche war: Er las unzählige Bücher und Berichte zum Thema, studierte Gerichtsakten, führte lange Gespräche mit Zeitzeugen, besuchte das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau mehrmals und reiste zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem nach Jerusalem, insgesamt arbeitete er zweieinhalb Jahre an seinem Roman. Vor diesem Hintergrund und auch im Hinblick auf die Art, wie Würger später noch sichtlich berührt auf seine Auschwitzbesuche eingeht, bekommt man alles andere als den Eindruck, der Autor habe sich hier leichtfertig und unüberlegt mit so einem vielschichtigen und gewichtigen Thema wie dem Holocaust beschäftigt. Im Gegenteil: Wie wichtig es ihm ist und wie ernst er seine Aufgabe nimmt, zeigt sich auch daran, dass er aktuell an einem Sachbuch über die Lebensgeschichte des Auschwitz-Überlebenden Noah Klieger arbeitet, mit dem er im vergangenen Jahr kurz vor dessen Tod noch drei Monate in Tel Aviv verbracht hatte. „Ich bin schon gespannt, was das Feuilleton darüber schreiben wird, ich werde ihnen das Buch dann natürlich wieder schenken“, feixte Würger und schob eventuelle Betroffenheit über das emotionale Thema mit einem Witz beiseite, wie des Öfteren an jenem Abend.

Für heiteres Gelächter im Publikum sorgte auch eine Anekdote über seine gewissenhaften Recherchetätigkeiten im Berliner Hotel Adlon, in dem die Liebesgeschichte zwischen Stella und Friedrich laut Autor wie „ein Kammerspiel vor Luxuskulisse“ verlaufe. „Dank des Romans hatte ich eine Entschuldigung dafür, mich dort oft und lange an der Theke der Marmorbar aufzuhalten“, grinste Würger und berichtete, wie er sich dort mit einer Mitarbeiterin angefreundet und den ein oder anderen feuchtfröhlichen Abend verbracht hatte. „Damals war ich ja noch kein Skandalschriftsteller, sondern nur ein Schriftsteller“, bemerkte er mit reichlich Selbstironie. Und so erhielt er irgendwann ein Upgrade für sieben Zimmer und gab lachend zu, dass er nicht einmal gewusst hätte, was man in solch riesigen Suiten überhaupt machen solle. Die guten Zeiten gingen dann noch ein bisschen weiter, als die Rechte an seinem Roman noch vor Erscheinen an neun Länder verkauft wurden und der Autor Daniel Kehlmann, Würger bezeichnete ihn als seinen Helden, rühmende Worte für seinen neuen Roman gefunden hatte: „Als ich das gelesen habe, dachte ich, dass ich mich jetzt zur Ruhe setzen könne“, erzählte Würger. Doch dann kam der 10. Januar, Stellas Erscheinungstermin, und die ruhigen, glanzvollen Zeiten waren Geschichte.

Sein Handy sei an dem Tag nicht mehr stillgestanden, weil eine Nachricht nach der anderen eingetroffen sei, schilderte der Autor. Der Grund: Die gepfefferte Romankritik in der Süddeutschen Zeitung. Würger beschreibt den Artikel als den härtesten Verriss, den er je gelesen habe, und man merkte ihm die Fassungslosigkeit darüber an. Er bekam Trost von allen Seiten und sein Bruder ermunterte ihn damit, dass dann immerhin in der FAZ kein Verriss zu erwarten sei – doch damit sollte er danebenliegen, denn auch hier wurde der Roman aufs Schärfste verurteilt, gar von „Relotius Reloaded“ war die Sprache. Diesen Vergleich mit dem skandalumwitterten ehemaligen Spiegel-Journalisten Claas Relotius und seiner Person kann Takis Würger jedoch nicht nachvollziehen: „Bis auf die Tatsache, dass wir den gleichen Arbeitgeber hatten und gleich alt sind, sehe ich keine Ähnlichkeiten. Relotius hat Lügen als Wahrheit verkauft, ich habe lediglich einen Roman als Roman ausgegeben“, verteidigte er sich. Als Deike auf die letzte Seite des Buches zu sprechen kam, auf der Würger seine Leser fragt, wie ihnen der Roman gefallen habe, und mit Angabe seiner Emailadresse verspricht, jede Nachricht zu beantworten, räumte der Autor ein, dass er am Erscheinungstag tatsächlich Angst davor gehabt hätte, sein Postfach zu öffnen. Doch die ersten Emails, die eintrafen, stammten von BuchhändlerInnen, die ihm uneingeschränkten Rückhalt versicherten. Unterstützung und Kraft erhielt er auch von jüdischen Freunden, die die Sache mit seinem Roman „total entspannt“ sehen würden, und nicht zuletzt habe auch die Jüdische Allgemeine sein Buch wohlwollend besprochen.

Erst nach diesem längeren Gespräch zur Entstehungsgeschichte und zur Rezeption des Romans wurde die eigentliche Geschichte dann zum Thema, indem der Autor kurz auf die drei verschiedenen Erzählebenen einging. Im Anschluss las Würger einen Romanausschnitt vor, in dem sein Protagonist Friedrich in Berlin ankommt und später zum ersten Mal auf Stella, die sich da noch Kristin nennt, trifft. Kurz darauf nahm er die Zuhörer dann mit einem längeren Lesepart mit in den Jazzclub, in dem Friedrich und Stella auf Tristan, die wohl rätselhafteste Figur im Roman, treffen. Auch mir hat sich Tristan während des Lesens nicht recht erschlossen, doch dank Würgers Lesetalent hat sich zumindest für mich der Nebel um diesen Charakter ein bisschen gelöst und er ist für mich deutlich plastischer und lebensnaher geworden.

Nachdem der zweite Leseabschnitt deutlich länger ausgefallen war, als wohl ursprünglich beabsichtigt, schloss daran aufgrund der fortgeschrittenen Zeit bereits die Fragerunde an. Allerdings zeigte sich die Zuhörerschaft zunächst sehr zögerlich – offenbar zur Verwunderung des Autors, der witzelte, dass das der erste Abend in zweieinhalb Monaten wäre, an dem ihn niemand aus dem Publikum auf die Kritiken anspräche. Zwar gab es vorher dann doch erst noch ein großes Lob eines Lesers, für das sich Takis Würger eingehend bedankte und betonte, dass das in diesen Tagen besonders guttäte, doch dann wurde die Kritik an Stella natürlich nochmals Thema des Abends: Ob die harsche Kritik eventuell auch auf die Konkurrenz zwischen Journalisten zurückzuführen sei, wollte ein Leser wissen. Konkret beantworten konnte Würger, der selbst Spiegelredakteur ist, die Frage zwar nicht, jedoch ließ er zwischen den Zeilen durchklingen, dass er besonders von der Kritik und Berichterstattung der SZ-Kollegen enttäuscht war. In diesem Zusammenhang stellte er auch einen Lesungsbericht der Tageszeitung richtig, in dem behauptet wurde, eine Frau sei während der Lesung empört aufgestanden und gegangen, was offenbar nicht den Tatsachen entsprach: „Natürlich habe ich in dem Moment Panik geschoben, aber die Dame war nur auf der Toilette und ist dann wieder an ihren Platz zurückgekehrt“, berichtete Würger erleichtert. Auch Sicherheitsleute, die ihn angeblich auf Lesungen begleiteten, entlarvte er als Erfindung der Presse: „Heute Abend habe ich ja auch keinen Personenschutz dabei“, betonte er mit ausladender Geste.

So gelassen, selbstsicher und besonnen Würger an dem Abend meistens auch wirken mochte, es gab dennoch einige Momente, in denen er zeigte, wie tief ihn die Schärfe der Kritik dann doch getroffen hat. „Einfach war es nicht. Natürlich bin ich verletzt und hätte es mir anders gewünscht“, räumte Würger ein und erklärte, dass er dankbar dafür sei, dass sein Verlag trotz allem fest hinter ihm stehe. Er ließ durchklingen, dass sich Hanser wohl darüber bewusst war, dass Stella womöglich als kontrovers aufgefasst werden könnte, aber mit einem derart aggressiven Backlash hatte dann wohl doch niemand gerechnet. Dennoch: Klein bei- oder gar aufgeben, das kommt für Takis Würger nun erst recht nicht infrage: „Ich mache natürlich weiter. Dass der Hund Ruhe gibt, wenn man ihn lange genug prügelt, ist hier definitiv nicht der Fall!“, machte der Autor gegen Ende der Lesung deutlich. Es weiß auch keiner besser als er, wie viel Herzblut, Konzentration und Kraft in seinen Roman geflossen sind: „Ich habe alles in das Buch gesteckt, was ich hatte“, betonte er und unterstrich die Aussage mit einem Deut auf die Regale voller Bücher neben ihm: „Jeder, der hier im Regal steht, hat wahrscheinlich alles in seine Werke gesteckt.“ Ich glaube, das kann nur jemand behaupten, der mit sich selbst im Reinen ist – dafür und für seine Aufrichtigkeit ist Takis Würger zutiefst zu bewundern.

Kommentare

  1. Liebe Elena,

    gelesen habe ich deinen wundervollen Bericht schon vor Wochen, aber erst heute finde ich die Zeit, dir ein paar Zeilen hier zu lassen. Vielen, vielen Dank für einen wieder einmal so ausführlichen Rückblick auf eine Lesung! Es war ein Genuss, ihn zu lesen. 🙂 Und er klingt nach einem wirklich interessanten Abend mit einem sehr sympathischen, offenen Autor!

    Die Diskussionen um “Stella” habe ich am Rande mitbekommen, habe das Buch aber nicht gelesen und kann mir daher kein Urteil erlauben. Grundsätzlich kann ich manche Kritikpunkte nachvollziehen und sie mögen berechtigt sein. Andererseits finde ich aber die Art und Weise, wie diese geäußert wurden, zu heftig – insbesondere da etwas kritisiert wird, das man auch hunderten anderen Autoren vorwerfen kann (das soll keine Entschuldigung sein, aber ich finde es ungerecht, dass ein Autor plötzlich zum Sündenbock wird, obwohl er nichts anderes tat als viele andere vor ihm). Und ich finde es mutig, dass Takis Würger so offen mit der Kritik umgeht und damit, was sie mit ihm macht! In unserer Gesellschaft ist das ja wahrlich nicht gang und gäbe.

    Liebe Grüße
    Kathrin

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