Bericht: Lesung von Joey Goebel am 7. Juni 2019 in Ravensburg

Wenn Literatur und Musik eine unnachahmliche Symbiose eingehen:
Ein Abend mit Joey Goebel und Neon Diamond bei RavensBuch

“Kunst kann nur durch Leid entstehen” – so zumindest lautet die These in Joey Goebels wohl bekanntestem Roman Vincent. Nun, das habe ich in den vergangenen Wochen quasi einmal unfreiwilligerweise für euch getestet und muss sagen: Das trifft hier in meinem Fall nicht wirklich zu, denn knapp drei Wochen ist die Lesung von Joey Goebel in Ravensburg nun her und erst jetzt habe ich es – nach zig erfolglosen Anläufen und in mehreren kleinen Schritten – geschafft, halbwegs die Energie dafür aufzubringen, die passenden Worte für das Erlebte zu finden und sie aufs Papier zu bringen. Dabei war der Abend wirklich denkwürdig und hat es deshalb sehr verdient, festgehalten zu werden. Deswegen hier nun mein Versuch:

Berlin, Hamburg, Gütersloh, Frankfurt, Freising – und dazwischen ausgerechnet Ravensburg! Als ich erfuhr, dass der amerikanische Kultautor Joey Goebel auf seiner kleinen Lesereise durch sechs deutsche Städte auch einen Zwischenstopp bei meiner Heimatbuchhandlung einlegen würde, bin ich kurz mal dezent ausgeflippt. Denn seitdem mich Benedict Wells mit seiner Euphorie angesteckt hat und ich auf seine Empfehlung hin den Roman Vincent gelesen habe, bin ich auch schwer angetan von Goebels Talent – vor allem auch, weil Musik in seinen Werken oft eine tragende Rolle spielt. Da liegt es natürlich nahe, Goebels Lesungen musikalisch zu untermalen: Zwar hatte der Autor selbst seine Ukulele auf dieser Lesereise leider nicht mit dabei, dafür hatte RavensBuch an diesem Abend mit Neon Diamond eine lokale Band eingeladen, die sich als wahrer Glücksgriff erwies. Die Songs, die die beiden jungen Musiker spielten, passten sowohl inhaltlich als auch formal nahezu perfekt zu Goebels Geschichten – und zusammen mit den grandios vorgetragenen Leseparts von dem Schauspieler Steffen Nowak und dem kurzweiligen Gespräch zwischen dem Autor und den beiden Moderatorinnen Nadine Riede und Vera Schellinger ergab sich daraus ein wunderbarer Lesungsabend, den man am liebsten noch einmal erleben möchte.

Der aus dem Provinznest Henderson im US-Bundesstaat Kentucky stammende Autor, der beim renommierten Schweizer Diogenes-Verlag ein literarisches Zuhause gefunden hat, bewies gleich zu Beginn der Lesung, dass er ein sehr zugänglicher Mensch ist und einen erfrischenden Sinn für Humor besitzt. Als Nadine Riede Goebel nämlich fragte, warum er auf seinen Lesereisen bisher noch nie in Ravensburg gewesen sei, erwiderte er keck, dass er bis jetzt ja auch noch nie eingeladen worden wäre. Er sei nach einem kleinen Bummel durch die Sträßchen von Ravensburg jedoch sehr angetan von der Kleinstadt, die so „typisch deutsch“ sei: „When I saw the people and the architecture, I started to think: This looks exactly like Germany“, erklärte er. Überhaupt scheint Goebel Geschmack auf das Reisen bekommen zu haben: „I need to write more books, that’s a free trip to Europe!“, scherzte der gutgelaunte Autor.

Witzigerweise stellte er kurz darauf, als es um den befreundeten deutschen Schriftsteller Benedict Wells ging, der ja auch bei RavensBuch ein äußerst gern gesehener Gast ist, fest, dass sie ja im Prinzip die Plätze getauscht hätten. Denn während Joey Goebel Anfang Juni für seine Lesereise nach Deutschland und in die Schweiz kam, war sein Freund Wells in den USA unterwegs – aber für ein gemeinsames Treffen bei sich zuhause in Henderson reicht es glücklicherweise noch im Juli, wie Goebel erzählte. Und da scheinen sich, wenn man Joey Goebel so zuhörte, wirklich zwei verwandte Seelen gefunden zu haben: „He’s just the sweetest young guy“, schwärmte er von seinem Autorenkollegen und bat das Publikum, ihn wegen dieser Worte nicht auszulachen. Auf die Frage hin, wie es zu dieser besonderen Freundschaft kam, schilderte er, dass sie sich etwa vor zehn Jahren kennengelernt, sich aufgrund ähnlicher Interessen gleich verstanden und seitdem regelmäßig Kontakt hätten. Nicht zuletzt verbindet die beiden auch ein gemeinsames Thema, über das sie schreiben: Einsamkeit. Lange Zeit hatte Goebel jedoch gar nicht die Möglichkeit gehabt, die Bücher seines Freundes zu lesen, bis Wells‘ Bestsellerroman Vom Ende der Einsamkeit im letzten Jahr in der englischen Übersetzung veröffentlicht wurde: „I finally got to read my friend’s novel and I was overwhelmed with relief that it was good“, gestand er schmunzelnd. Den großen Erfolg gönnt er ihm offensichtlich auch von ganzem Herzen: „You just can’t be jealous of this guy“, bemerkte er und gab sich auch sehr dankbar dafür, dass Benedict stets so viel Werbung für seine Bücher macht – auch deshalb war sicher der ein oder andere an dem Abend gekommen.

Immer wieder kam das Trio auf den oben bereits kurz erwähnten Roman Vincent zu sprechen, in dem es um einen jungen Künstler geht, dessen Leben von außen unglücklich gestaltet und manipuliert wird, damit er kreativ bleibt. Vor diesem Hintergrund fragten die Moderatorinnen, ob Joey beim Schreiben des Romans auch gequält worden sei, worauf er trocken erwiderte: „The torture never stops.“ Dass es sich dabei um eine Frank Zappa-Referenz handelte, hatten zu Goebels Verwunderung wohl die Wenigsten aus dem Publikum verstanden. Und obwohl er an dem Abend als ein sehr lockerer und witziger Typ rüberkam, gab Goebel in kurzen Momenten auch einen Einblick in seine Gefühlswelt: Er erzählte, dass sein letztes glückliches Jahr 1999 gewesen sei, denn da habe praktisch seine Kindheit geendet und die Sorgen des Erwachsenseins seien vor der Tür gestanden. Über einsame Menschen schreibe er, erklärte Goebel, weil dieser Kampf jedem bekannt sei – selbst heute in der Zeit der sozialen Medien, die ihn, so der amerikanische Autor, manchmal noch viel einsamer machten. Schnell war der Ernst jedoch wieder verflogen: „It delights me to know I caused so much pain“, scherzte er, als er gefragt wurde, wie er darauf reagiere, dass Vincent viele seiner LeserInnen zu Tränen rühre. Schließlich sollen auch alle ein Stück von seinem Leid abhaben, wie er grinsend hinzufügte: „I’m spreading my pain around.“ Und da möchte man ja fast sagen: Ein Glück für uns Leser, sonst kämen wir nicht in den Genuss seiner tollen Geschichten.

Bevor Goebel die erste kurze Textstelle aus seinem neuen Kurzgeschichtenband Irgendwann wird es gut vorlas – eine Passage aus der Short Story „Die Moral von Nerds“ –, musste er jedoch erst noch etwas klarstellen: „I’ve been a nerd when it was not cool to be one.“ Deshalb ärgere er sich umso mehr über all die Wannabe- und Mode-Nerds heutzutage. Diesen Ärger und diese Abneigung gegen jene Leute schrieb er sich in der besagten Geschichte ein wenig von der Seele – und zwar in der Form seines Alter Egos Dan, der dem oberflächlichen Möchtegern-Nerd und Radiomoderator Tug eine Kaskade an sehr amüsanten Hassemails sendet, von denen Goebel zunächst eine vorlas. Doch nicht nur das Publikum musste währenddessen lachen, sondern auch der Autor selbst, der zwischendrin kicherte: „I had such a good time writing this!“

Auch die zweite vorgestellte Kurzgeschichte kam beim Publikum gut an: Zunächst las Goebel selbst einen kurzen Teil aus „Unsere Olivia“ vor, eine Geschichte über einen einsamen Mann, der in die lokale Nachrichtensprecherin verliebt ist, – dann übernahm jedoch Steffen Nowak auf Deutsch und er las die Erzählung dank stets passender Mimik und Gestik so lebendig vor, dass man auch dann noch mitfieberte, wenn man den Ausgang der Kurzgeschichte bereits kannte. Der Song „Inside of an Outsider“ von Neon Diamond mit den passenden Lyrics „I’m a freak, but it’s okay, I’m against all odds, I’m against the world, I’m against everything“ rundete diese erste Leserunde wunderbar ab und erntete großen Beifall – gerade auch von Joey Goebel, der selbst Musiker ist und sich sehr begeistert zeigte: „First I thought: Neil Diamond’s gonna be here?! But you’re even better! Seriously, you put my band The Mullets to shame!”

Dass Joey Goebel seine Texte einem Publikum auch selbst vorliest, wäre früher übrigens alles andere als selbstverständlich für ihn gewesen: Wie der Autor berichtete, hatte er früher zu Schulzeiten eine große Angst davor, Texte laut vorzulesen. So habe er zum Beispiel einmal vorgegeben, seine Kontaktlinse wechseln zu müssen, nur um in der Klasse nicht vorlesen zu müssen. Schließlich habe ihm ein Lehrer prophezeit, dass man werde, was man fürchte: „And here I am“, bemerkte Goebel mit sarkastischem Unterton, denn nun darf er nicht nur gelegentlich seine Texte begeisterten Lesern vortragen, sondern arbeitet hauptberuflich als Lehrer an seiner ehemaligen Schule.

Dankbar, dass er nicht schon wieder auf Trump angesprochen werde (O-Ton Goebel: „I’m sick of it!“), geriet der Autor auf die Frage hin, was denn ein Joey Goebel gerne so schaue, sogleich ins Schwärmen: Ihm gefiele die Serie Mad Men, auch Lost liebe er sehr – und davon sogar die letzte Staffel –, The Office gefiele ihm gut und This Is Us habe er gemocht, weil es ihn zwar zum Weinen gebracht, es sich aber dennoch gut angefühlt habe. Außerdem outete er sich auch als großer Pro Wrestling Fan, was ihm eine Art Wirklichkeitsflucht böte, und er ging in seiner Euphorie für den Sport sogar noch weiter und verkündete: „If I could do this for a living, I would trade all of this!“

Das wäre jedoch schade für alle Leser, denn sonst wären wir vielleicht nie in den Genuss seines Kurzgeschichtenbands Irgendwann wird es gut gekommen, auf den das Trio nun noch einmal genauer einging. In den zehn Geschichten geht es um Menschen, die in ihrer Kleinstadt in Kentucky und in sich selbst gefangen sind, aber die Hoffnung haben, dass sich etwas zum Guten ändern wird. Alle Geschichten sind auf verschiedene Art und Weise miteinander verbunden, denn für Goebel habe, so erzählte er, von Anfang an festgestanden, dass es eine „novel in stories“ werden sollte. Auch auf die Frage hin, was ihn zu den Geschichten inspiriert habe, zeigte der Autor – wie zuvor – wieder eine andere, sensiblere Seite von sich und erklärte: „Look, I’m a sad, lonely son of a bitch. These stories don’t come from a vacuum, they don’t come from a well-adjusted adult.” Vor allem die vergangenen sechs Jahre seien für ihn schwer gewesen, denn er habe mit einer Scheidung und mit der Tatsache klarkommen müssen, dass er seinen Sohn, der für ihn alles bedeute, nun seltener sehe. „You should have seen me two years ago. You would’ve had to help me holding the microphone”, schilderte Goebel seinen damals offenbar desolaten Zustand. Umso dankbarer sei er dem Publikum für die ihm entgegengebrachte Freundlichkeit: „You know, I have a day job and I’m not always being treated there too well“, bemerkte er mit einem Augenzwinkern.

Im Anschluss las Joey Goebel eine Passage aus „Antikmarktmädchen“ (einer meiner ganz persönlichen Lieblingsgeschichten im Buch) auf Englisch und übergab dann wieder das Mikro an Steffen Nowak, der die beiden Hauptfiguren, die kleine Carly und den alten Mr. Baynham, sehr liebevoll spielte. Nach einem weiteren Song von Neon Diamond, der erneut auf sehr viel Zustimmung stieß, war dann jedoch bereits Zeit für die Fragerunde. Die beiden Moderatorinnen läuteten sie mit der Frage ein, wieso Goebels Bücher nicht auf Englisch publiziert würden – ein offensichtlich wundes Thema beim Autor und Verlag, über das Goebel mit der Erklärung hinwegscherzte, dass man ja schließlich wisse, dass Amerikaner einen fragwürdigen Geschmack hätten, und er vermute, dass sie einfach nicht „classy“ genug seien. Über die erste und einzige Frage aus dem Publikum zeigte sich der Autor vor diesem Hintergrund regelrecht erleichtert: Sein Lieblingsbuch sei All the King’s Men von Robert Penn Warren, einem Schriftstellerkollegen aus Kentucky. Goebel bedankte sich für die relativ einfache Frage und erklärte dann, dass er zum Schluss noch eine weitere kurze Email seines Alter Egos Dan aus der Geschichte „Die Moral von Nerds“ vorlesen werde, um den Abend mit einer optimistischen Note zu schließen: „There is so much meanness in the world and a lot of it is coming from the country I come from, so I just want to end the night with a little bit of kindness“ – sprach er und verteilte später, nach einem abschließenden Song von Neon Diamond – eine großartige Coverversion von „Jetzt“ von den Orsons –, bei der Signierstunde im Small Talk mit seinen Lesern noch viel mehr Liebenswürdigkeiten.

Kommentare

  1. Ein toller Beitrag! Ich wünschte, ich hätte auch bei einer der Lesungen dabei sein können aber dein Beitrag hat die Lesung in Ravensburg richtig gut vermittelt 🙂

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