Rezension: „The Uncommon Reader“ von Alan Bennett

Die lesende Queen gegen den unbelesenen Rest der Welt oder: Über die Macht der Bücher

Wenn Lieschen Müller, der Otto Normalverbraucher und der normalsterbliche Durchschnittsbürger Bücher liest, dann ist das weder etwas Besonderes noch Weltbewegendes. Die Erde dreht sich wie gewohnt weiter. Doch was passiert, wenn eine wichtige Persönlichkeit, ein einflussreiches Vorbild der Nation(en) und das Aushängeschild alter Traditionen plötzlich das Lesen für sich entdeckt? Was wäre, wenn es sich dabei um die Queen höchstpersönlich handelte? Dann, ja dann gerät die Welt (oder zumindest das Vereinigte Königreich) tatsächlich einmal kurz ins Stocken. So zumindest in Alan Bennetts Novelle mit dem Titel The Uncommon Reader.

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Alles beginnt damit, dass die Queen eines Tages völlig unverhofft über einen in den Anlagen des Buckingham Palaces geparkten Bücherbus stolpert und sich, um nicht gegen die Etikette zu verstoßen und unhöflich zu wirken, dazu gezwungen fühlt, sich ein Buch auszuleihen. Ihre Auswahl fällt relativ beliebig aus, sie beißt sich durch und fühlt sich bei der Rückgabe dieses Buches erneut gezwungen, ein Buch ausleihen zu müssen. Doch dieses Buch scheint die richtige Wahl gewesen zu sein, es zieht die Queen schließlich in seinen Bann. Damit kommt der Stein ins Rollen: Das Staatsoberhaupt entwickelt eine immer größere Liebe für das Lesen, zieht sich immer mehr zurück (oder versucht es zumindest) und vernachlässigt, völlig ihrem üblichen Naturell widersprechend, allmählich ihre königlichen Pflichten oder kommt diesen nur noch halbherzig nach. Es wird gezeigt, wie das Lesen die Queen zunehmend verändert: Es beeinflusst ihren Charakter, sie wird reflektierter und auch der Umgang mit den Bediensteten, Politikern und dem Volk wandelt sich drastisch. Dabei entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen der Queen und dem literaturbegeisterten Küchengehilfen Norman Seakins, ihrem scheinbar einzigen Verbündeten.

Denn die Wenigsten sind von dem neuen Hobby der Königin begeistert, denn: Die Queen hat schließlich keine Hobbys (zu haben)! Vor allem am Hofe des Buckingham Palaces stoßen die neuen Gewohnheiten der Queen auf Unverständnis: Die Vertrauten und Berater, aber auch die Familienmitglieder sind von ihrem Rückzug in die Welt der Bücher „not amused“. So stößt die Queen immer wieder auf Widerstand – es werden im Hintergrund regelrecht Komplotte geschmiedet –, weswegen sie sich immer wieder neue Strategien einfallen lassen muss, um ihrer neuen Leidenschaft nachzukommen: Da lernt man schon einmal, wie man dem Volke aus dem Auto heraus zuwinkt und nebenher liest, ohne dass es jemand bemerkt.

Den Grundgedanken der Geschichte finde ich recht originell. Nicht umsonst hatte sie mich damals beim Kauf so angesprochen. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass das mit Bennetts Novelle und mir etwas Großartiges werden könnte. Doch das war leider nicht der Fall. Gerade vom berühmten britischen Humor, den ich sehr liebe, hatte ich mir hier viel mehr erhofft: Dieser ist hier viel subtiler als gedacht. Natürlich erwarte ich keineswegs die Holzhammermethode, aber ich habe bei anderen als humoristisch deklarierten Werken britischer Autoren deutlich mehr gelacht. Hier denke ich beispielsweise an Sue Townsend, die sich ja in The Queen and I auch bereits mit den Royals auseinandergesetzt hat, aber auch an David Nicholls, Helen Fielding oder Meera Syal. Deren Stil und Beschreibungen sorgten bei mir oft für laute Lacher, die bei Bennett gänzlich ausblieben.

Nun gut, ein glänzender Humor wäre eigentlich auch nur das Sahnehäubchen gewesen. Doch auch sonst schaffte es die Novelle nicht so wirklich, mich komplett mitzureißen. Zwar haben mir einige Stellen, in denen es konkret um das Lesen und die Macht der Bücher geht, gut gefallen (z.B. „’Books are not about passing the time. They’re about lives. Other worlds. Far from wanting time to pass, […] one just wishes one had more of it.’“ (S.29) oder „A book is a device to ignite the imagination.“ (S.34)), allerdings blieb mir der Zugang zu und die Sympathie für die Figuren fast komplett verwehrt. In einer Passage heißt es so schön:

The appeal of reading, she thought, lay in its indifference: there was something lofty about literature. Books did not care who was reading them or whether one read them or not. All readers were equal, herself included. Literature, she thought, is a commonwealth; letters a republic. […] Books did not defer. All readers were equal […]. […] There was something of that, she felt, to reading. It was anonymous; it was shared; it was common. (S. 30f.)

Dieser Umstand wird mehr als einmal betont und scheint eine der Grundaussagen der Novelle zu sein. Das ist schön und gut und ich stimme dem Kerngedanken auch absolut zu, doch hätte ich mir gewünscht, dass dieser dann auch genauso umgesetzt und demonstriert wird. Denn in der gesamten Geschichte schafft es der Autor – und damit letztendlich seine Protagonistin – nicht, ihre „Uncommonness“ abzulegen. Selbst der Titel betont es ja noch einmal, weswegen mir auch der deutsche Titel, „Die souveräne Leserin“, ausnahmsweise einmal besser gefällt. Der besondere, herausgehobene Status der britischen Monarchin ist, auch wenn sie als eine Leserin wie du und ich dargestellt wird/sein möchte, eben doch auf jeder Seite zu spüren. Deswegen erschien mir Bennetts Queen auch trotzdem stets fremd und unnahbar. Und auch die restlichen Nebenfiguren, z.B. Norman Seakins, Sir Kevin und der Premierminister, sind nicht großartig zugänglicher und ebenso farblos und eindimensional. Einzig die leider zu kurzen Auftritte des Dukes of Edinburgh und die Szenen mit Sir Claude sorgten bei mir für das ein oder andere flüchtige Lächeln.

So läuft es am Ende doch immer auf die Gegenüberstellung: Die belesene Queen gegen das restliche unbelesene Volk (inklusive dem französischen Staatsoberhaupt und dem britischen Premier). Natürlich ist dieses Extrem sicherlich von Bennett beabsichtigt, aber mir wollte dieser Vergleich dennoch nicht so behagen. Auch wenn ich die Überlegungen zu den Fragen „Was macht Literatur mit uns?“, „Wie steht es um den Stellenwert von Literatur in der Gesellschaft?“ oder „Macht das Lesen aus uns bessere Menschen?“ sehr interessant fand, schaffte die Novelle es dennoch nicht, mich vollends zu packen und längerfristig zum Nachdenken anzuregen.

Die Geschichte ist eine ganz nette Idee. Das war dann auch schon der größte Vorzug der Novelle. An der Umsetzung hapert es eben leider ein wenig. Da The Uncommon Reader mit seinen gerade einmal 121 Seiten allerdings nicht ausschweifend ist, klaut die Lektüre glücklicherweise aber auch nicht allzu viel wertvolle Lebens- bzw. Lesenszeit. Wer also an dem Experiment interessiert sein sollte, was passiert, wenn ein Staatsoberhaupt dem Lesewahn verfällt, der kann gerne zu Bennetts Novelle greifen. Aber all diejenigen, die vor allem auf garantierte Lacher und genialen britischen Humor hoffen, sind bei zahlreichen anderen britischen Autoren (ein paar habe ich ja bereits oben erwähnt) wahrscheinlich besser aufgehoben.

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Infos zum Buch:

Verlag: Profile Books

Erschienen: 03.07.2008

ISBN: 978-1846681332

Seitenanzahl: 128

Homepagehttps://profilebooks.com/the-
uncommon-reader.html

Im Deutschen unter dem Titel Die souveräne Leserin bei Wagenbach erschienen.

 

Wie seht ihr das: Was macht Literatur mit uns? Macht sie aus uns bessere Menschen? Und wie steht es um ihren Stellenwert in unserer Gesellschaft?

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