Bericht: 48. Solothurner Literaturtage
Ein bereichernder Kurztrip zum größten mehrsprachigen Literaturfestival der Schweiz
Seit mittlerweile 48 Jahren wird die malerisch am Fuße des Juras und der Aare gelegene Kleinstadt Solothurn traditionell über das Auffahrtswochenende Mitte Mai zum Hotspot der Schweizer Literaturszene – und weit darüber hinaus. Da ich in der Grenzregion lebe, war mir das Literaturfestival zwar durchaus bereits ein Begriff, seiner tatsächlicher Strahlkraft war ich mir jedoch noch nicht bewusst gewesen, doch das sollte sich ändern, denn ich hatte in diesem Jahr nun die Gelegenheit, mich von anderen Literaturliebhaber:innen und Gleichgesinnten mit durch die Straßen der Solothurner Altstadt zu Lesungen, Diskussionen und Performances an verschiedensten Orten, von denen einer schöner als der andere war, treiben zu lassen, internationalen Autor:innen zu lauschen und gemeinsam ins Gespräch über Sprache und das Erzählen zu kommen – und all das in gerade einmal eineinhalb Tagen: Ein intensives, teils atemloses Erlebnis, das für mich jedoch kaum bereichernder hätte sein können und einmal mehr bewiesen hat, welche Bedeutung Geschichten und Bücher besonders in der heutigen Zeit haben.

Das Programm der 48. Ausgabe der Solothurner Literaturtage war für mich auf den ersten Blick mindestens so beeindruckend wie auch überfordernd: An den insgesamt drei Festivaltagen präsentierten über 70 Literaturschaffende aus den vier Schweizer Sprachregionen sowie internationale Gäste bei über 140 verschiedenen Veranstaltungen auf den vielfältigsten Bühnen in der Solothurner Altstadt ihre aktuellen Werke aus den Sparten Prosa, Lyrik, Spoken Word, Kinder- und Jugendliteratur sowie Übersetzungen und widmeten sich dabei aktuellen literarischen und gesellschaftpolitischen Fragen und Themen. Die Qual der Wahl sollte sich bei mir zwar zunächst lediglich auf die Veranstaltungen am Festivalfreitag und dank einer glücklichen Fügung und einer kurzfristigen Übernachtungsmöglichkeit noch auf die der ersten Hälfte des Festivalsamstags beschränken, aber auch hier war viel Vielversprechendes geboten. So weckten, auch wenn mir ein Großteil der Autor:innen und Speaker:innen bis dato nicht bekannt gewesen war, viele Veranstaltungen dennoch oder vielleicht gerade deswegen meine Neugier und am liebsten hätte ich fast alles gleichzeitig besucht, wenn das möglich gewesen wäre.

So aber ging es für mich am Samstagmorgen zunächst ins Kino Palace zu einer Lesung und einem Gespräch mit der Schweizer Künstlerin Lika Nüssli, die ihre Graphic Novel Vergiss dich nicht vorstellte, die sie zu zeichnen begonnen hatte, als sie ihre an Demenz erkrankte Mutter im Altersheim besuchte. Da ich bisher noch kaum mit Graphic Novels in Berührung gekommen war, war das für mich die erste Lesung dieser Art und eine wirklich schöne Erfahrung: Während die Künstlerin die entsprechenden Passagen aus ihrem Werk vorlas, konnten die Gäste der Geschichte auf der Kinoleinwand folgen und in die detailreichen Grafiken eintauchen. Moderatorin Nadia Brügger führte einfühlsam durch das Gespräch über emotionale Themen wie Demenz, Erinnern und Vergessen, Familie sowie die Schicksale von Pflegeheimbewohner:innen und deren Pfleger:innen – eine berührende, stellenweise aber auch erfrischend humorvolle Veranstaltung.

Im Anschluss ging es schnurstracks und schnellen Schrittes Richtung Stadttheater, wo der bekannte italienische Autor Marco Balzano seinen neuen Roman Bambino im beeindruckenden Theatersaal vorstellte und mit entsprechend viel Andrang zu rechnen war. Glücklicherweise gelang es mir, mit einem Kopfhörer für die deutsche Simultanübersetzung ausgestattet, einen Logenplatz im Balkon zu ergattern, wo ich dem von Marina Galli moderierten Gespräch mit dem gutgelaunten und aufgeweckten Autor lauschen und nebenbei zwischendurch meine Italienischkenntnisse etwas testen konnte. In seinem neuesten Werk, das in Triest kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs spielt und sich um das Thema Faschismus dreht, wagte Balzano das Experiment, die Täterperspektive einzunehmen, und er erzählte lebhaft und sehr einnehmend, wie ihm die Idee für den Roman Bambino von einem Leser zugetragen worden war. Wie wohl die meisten Lesungsgäste hing ich dem charismatischen Autor bei seinen bildhaften Schilderungen förmlich an den Lippen und es hat mich auch besonders gefreut, dass ich nach der Veranstaltung noch die Gelegenheit hatte, seinen Roman Ich bleibe hier von Balzano höchstpersönlich signieren zu lassen – inklusive eines kleinen Scherzes zur Schreibweise meines Namens.

Auch danach hieß es für mich wieder „Die Beine in die Hand nehmen“ und mich auf in Richtung Konzertsaal zu machen, denn eine halbe Stunde später stand hier eine Podiumsdiskussion zum Thema „Das Böse schreiben“ mit der Buchpreisträgerin Dorothee Elmiger, Michael Hugentobler und Kat Splitterberg unter der Moderation von Cédric Weidmann an. Beim Anblick der doch bereits beachtlichen Schlange vor dem imposanten Veranstaltungshaus hatte ich kurz die Sorge, keinen Platz mehr zu bekommen, doch am Ende reichte es sogar noch für einen „Prime spot“ im Balkon. Die Vorfreude und die Erwartungen an die Diskussion waren hoch, da mir die Vielfalt des Bösen in vielen Büchern, die ich lese, oft begegnet, doch leider gelang es dem Podium nicht so richtig, viel tiefer in die Thematik vorzudringen und die vorgegebene Fragestellung, wie sich das Böse literarisch fassen lässt, zufriedenstellend zu beantworten: Nur mühsam bis kaum kamen die drei Autor:innen miteinander in den Austausch, da in allen Fällen der Fokus eher auf dem eigenen Werk lag, teilweise fiel es auch schwer, dem Gesprächsverlauf generell zu folgen. Für mich wäre es daher vermutlich lohnender gewesen, die Autor:innen, insbesondere Dorothee Elmiger, in einer Einzelveranstaltung zu erleben.

Der darauffolgenden PEN-Talk, den ich mir ebenfalls vorab im Veranstaltungsplan extra markiert hatte und der mich wieder zurück ins Stadttheater führte, sollte diese etwas frustrierende Erfahrung jedoch wieder gutmachen: Dort sprachen die aus dem Sudan stammende Autorin Ishraga Mustafa Hamid und die aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Autorin Laurène Southe mit Demian Cornu und Nora Osagiobare zum Thema „Über das unbenannte Grauen schreiben“ über Gewalt, Verlust und Widerstand. Beide Autorinnen leben in Wien und schreiben aus dem Exil: Hamid verließ 1989 den Sudan, gründete die erste Black Women’s Community und engagiert sich für Writers for Peace im PEN, die 26-jährige Southe widmet sich in ihren Gedichten besonders den Themen Widerstand und Freiheit. Sie berichteten über ihre Diasporaerfahrungen und die Bedeutung von Aktivismus, gerade in Form von Schreiben als Akt des Widerstands, der Zeugenschaft und des Sichtbarmachens. Sowohl Hamid als auch Southe trugen jeweils zwei ihrer Werke vor – Hamid auf Arabisch (mit anschließender deutscher Übersetzung), Southe auf Englisch – und der in beiden Fällen sehr emotionale, körperliche Vortrag, bei dem im Fall von Southes „Narrative Energy Free Form“ Free Kongo sogar das Publikum involviert war, ließen weder jenes noch die Moderatoren unbewegt. Ich war zutiefst beeindruckt von diesen beiden starken Frauen und freue mich schon jetzt, in Zukunft hoffentlich noch mehr von ihnen zu hören.

Vielleicht hat es nach so einem eindrücklichen Erlebnis im Rückblick auch gar nicht geschadet, dass ich daraufhin eine kleine Zwangspause einlegen musste, da sowohl das Radio SRF2-Kultur-„Literaturclub“-Interview mit Lukas Bärfuss in der Cantina del Vino als auch die Podiumsdiskussion „Familie erzählen – Die eigene Kindheit als literarischer Stoff“ mit den Autorinnen Katja Früh, Jeohna Kicaj und Katinka Ruffieux im Stadttheater beide restlos überfüllt waren, auch wenn ich natürlich kurz enttäuscht war (Hier eine kleine Anmerkung am Rande: Allgemein ist es für alle Veranstaltungen zu empfehlen, rechtzeitig vor Ort zu sein, und sich vor allem auch nicht von einigen dreisten Besucher:innen entmutigen zu lassen, die – ähnlich der Unsitte, am Strand oder Pool Liegen mit einem Handtuch zu besetzen – im Anschluss an eine besuchte Veranstaltung ihre Plätze für die darauffolgende mit Jacken, Schals oder Ähnlichem zu „reservieren“, wie ich es leider mehrmals am Freitag beobachten und erleben musste…). Aber so konnte ich zum einen auch etwas über das bisher Gehörte und Erlebte reflektieren und zum anderen zwischendurch auch einmal etwas essen, da das bisher den ganzen Tag aufgrund des vollen Terminplans zu kurz gekommen war.

Gestärkt und wieder voll aufnahmefähig nach einem leckeren Abendessen ging es für mich dann um 19.00 Uhr ein drittes Mal ins Stadttheater zu einer Lesung von und einem Gespräch mit der palästinensischen Lyrikerin, Performerin und Herausgeberin Asmaa Azaizeh – moderiert von Joël László, die Schauspielerin Miriam Japp las die deutschen Übersetzungen der arabischen Gedichte Azaizehs vor. Azaizeh wuchs in Haifa auf und begann ihr Studium dort und berichtete über ihr Entfremdungsgefühl sowohl in ihrer eigentlichen Heimat als auch im Exil. Sie schilderte auch eindrücklich, wie sie aufgrund der Zensur lange keinen Zugang zu Büchern aus anderen Ländern und Kulturen hatte – ein starker Kontrast zu ihrem heutigen Leben in der westlichen Welt, in der Buchhandlungen für uns beispielsweise so selbstverständlich seien, wie Azaizeh betonte. Diese Äußerung stimmte mich sehr nachdenklich, ließ ihn mir aber gleichzeitig auch eine große Dankbarkeit aufkommen. Auch Azaizeh trug mehrere Gedichte in ihrer Muttersprache Arabisch vor und es war für mich eine nachhaltig beeindruckende Erfahrung, den Schmerz, aber auch die Hoffnung und die Liebe, die sie in ihren Werken ausdrückt, trotz der Sprachbarriere allein durch die emotionale Darbietung vermittelt zu bekommen.

Und auch mein letzter Programmpunkt des Tages hielt eine weitere starke weibliche Stimme für mich bereit: Ich entschied mich, dem Stadttheater als Veranstaltungsort treu zu bleiben und die Performance der Schweizerisch-britischen Kabarettistin, Komikerin und Musikerin Jane Mumford zu besuchen – und sollte es nicht bereuen: Mumford präsentierte einen Auszug aus ihrem aktuellen Solostück „Leben!“, das sich, zumindest hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, um den Weltschmerz und die Strapazen der Pubertät dreht. Die talentierte Komikerin legte als steppender und singender Goth unterstützt von der passenden Bühnenausstattung wie einem Holzsarg und entsprechenden Spezialeffekten eine mitreißende Show dar und sorgte für Lacher am laufenden Band – für mich eine absolute Entdeckung mit definitivem Wiederholungspotenzial!

Damit ging ein erster, sehr intensiver Festivaltag für mich gefühlt in einem Wimpernschlag auch schon wieder zuende, aber glücklicherweise standen am nächsten Tag noch ein paar weitere Veranstaltungen an. So machte ich mich am Samstagmorgen nach einem stärkenden Frühstück auch schon wieder auf in die entzückende Solothurner Altstadt, die ich im Übrigen gerne noch mehr erkundet hätte, zum Konzertsaal, wo die Schweizer Regisseurin und Kolumnistin Katja Früh, die ich am Vortag leider verpasst hatte, ihren Debütroman Vielleicht ist die Liebe so im Gespräch mit Sieglinde Geisel vorstellte. Obwohl sich der Roman um schwere Themen wie Sterbehilfe, Narzissmus und fehlende Liebe dreht, entgegnet die Autorin ihnen mit der Leichtigkeit der Komik und legte ihre vorwiegend komödiantische Perspektive anhand der Lesestellen sehr bildhaft dar. Entsprechend lebendig und launig gestaltete sich auch das Gespräch zwischen der sympathischen Autorin und aufmerksamen Moderatorin, dem das Publikum inklusive mir so früh am Morgen interessiert folgte.

Thematisch wiederum noch etwas schwerere Kost stand dann noch vor der Mittagspause auf dem Programm: Dimitré Dinev, Tanja Maljartschuk und Ilma Rakusa diskutierten unter der fachlich fundierten Moderation von Tino Schlench zum Thema „Die neue autoritäre Ordnung: Eine literarische Annäherung“ im bis auf die letzten Plätze gefüllten Theatersaal des Stadttheaters. Auch hier stellte sich wieder die Frage, wie politisch Literatur ist, sein darf oder sein kann, wie Literatur als Widerstand dienen kann und welche Macht Worte haben, insbesondere auch wieder in der heutigen Zeit. Eine ebenso nachdenklich stimmende wie inspirierende Debatte dreier kluger Gegenwartsstimmen und für mich ein gelungener Abschluss meines persönlichen Festivalprogramms.

Abgerundet wurde das Festivalerlebnis schließlich noch von einem kleinen Blogger:innen-Get-Together im Museumspark, bei dem ich mich mit Bloggerkolleg:innen aus der Schweiz und der Grenzregion bei kühlen Getränken und leckeren Snacks in gemütlicher Atmosphäre über die erlebten Veranstaltungen, Büchertipps und anstehende literarische Veranstaltungen ausgetauscht habe – danke an dieser Stelle für den angenehmen Plausch! Und unverhofft kommt oft: Kurzerhand ging es daraufhin für mich zusammen mit einer Bloggerkollegin noch spontan auf eine letzte Veranstaltung – ein Lesung von und ein Gespräch mit Thierry Raboud –, da ich bisher noch nicht im Kunstmuseum gewesen war, wo ebenfalls Lesungen stattfanden. Mein Schulfranzösisch ist mittlerweile jedoch ziemlich eingerostet ist, weshalb ich nur den gröbsten Zügen der Lesung und des Gesprächs folgen konnte, aber ich war ohnehin sehr abgelenkt von den wunderschönen Gemälden u. a. von Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti, die den Lesungssaal schmückten, weshalb sich der Abstecher dorthin für mich so oder so gelohnt hat – was für ein einmaliger Veranstaltungsort, bitte mehr davon!

Damit hieß es für mich aber dann tatsächlich, Abschied zu nehmen und wohl oder übel die Heimreise anzutreten, ausgerechnet, wenn nach eineinhalb vorwiegend regnerischen und teils windigen grauen Tagen (die der guten Stimmung im Übrigen jedoch keinen Abbruch taten und vor denen die zahlreichen hartgesottenen Literaturliebhaber:innen auch nicht zurückschreckten) endlich die Sonne aus den Wolken hervorlugte. Auch wenn ich gerne das ganze Festival erlebt und noch einige weitere der vielen spannenden mehrsprachigen Veranstaltungen besucht hätte, machte ich mich mit einem bis zum Anschlag vollen Herzen wieder auf den Heimweg an den Bodensee – mit vielen nachhallenden Erlebnissen, noch mehr Inspiration und neuen Perspektiven im Gepäck sowie dem tiefen Glauben in Literatur als Begegnungs- und Dialogstifterin sowie Brückenbauerin über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg: Eine Tatsache, die die Solothurner Literaturtage mit ihrem mehrsprachigen und internationalen Ansatz auf ganzer Linie einmalig unter Beweis stellen.
Werbung – Danke an das Team der 48. Solothurner Literaturtage für die Einladung und die Möglichkeit, das Literaturfestival besuchen zu können!
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