Rezension: “Die Straße” von Robert Seethaler
Eine gewöhnliche Straße als Brennglas der Gesellschaft
In meinen Anfangszeiten als Buchbloggerin habe ich die Romane von Robert Seethaler viel und gerne rezensiert – mal mit großer Verzückung, manchmal auch mit größeren Erstaunen, seltener mit einer hochgezogenen Augenbraue. Seitdem sind ein paar Jahre ins Land gegangen und vielleicht hat sich die eine oder der andere schon gefragt, was aus meiner Seethaler-Begeisterung geworden ist. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich seit dem grandiosen Das Feld ein bisschen mit seinen Romanen gefremdelt, die Nachfolger Der letzte Satz und auch Das Café ohne Namen haben mich leider nicht mehr richtig erreicht. Umso größer war die Vorfreude aber auf seinen neuesten Roman Die Straße, der mich –zumindest dem Klappentext nach zu urteilen – an meinen ewigen Liebling Das Feld erinnert hat. Ob er diese Hoffnung letzten Endes auch erfüllen konnte?

Wie der schlichte Titel bereits verrät, dreht sich in Robert Seethalers neuestem Werk alles um eine Straße irgendwo – wohlgemerkt aber weder im Zentrum noch am Rand – in einer namenlosen deutschen Stadt in einer nicht näher definierten, jedoch wahrscheinlich nicht allzu weit zurückliegenden Vergangenheit. Die Heidestraße ist eine gewöhnliche Straße mit einer bestehenden Infrastruktur aus einigen Geschäften, einer Kneipe, einem Gasthaus, einem Altersheim, einer Arztpraxis, einem Kirchengebäude, einem Verwaltungsgebäude und hauptsächlich Mehrfamilienhäusern – also eine typische Straße, wie man sie überall findet, mit scheinbar ganz normalen Anwohner:innen, die man so oder so ähnlich auch an jedem anderen x-beliebigen Ort antreffen könnte. In teils schemenhaften, teils gestochen scharfen, jedenfalls oft recht kurzen, gelegentlich auch ein klein wenig längeren Abschnitten legt Robert Seethaler seinen Leser:innen episodenhaft die Gedanken, Unterhaltungen, Monologe, Korrespondenzen und ab und zu sogar die amtlichen Bescheide jener Bewohner:innen der Heidestraße in einem vielstimmigen Konglomerat dar: Von einem abtrünnigen Geistlichen auf Irrwegen, einer unglücklich verliebten Blumenhändlerin und einem eigenbrötlerischen, leicht besessenen Bücherantiquar über lästernde Bäckereifachverkäuferinnen und einen Pförtner, der seine Schichten in der Kneipe versäuft, bis hin zu im Altersheim dahinsiechenden älteren Herrschaften und einem Arzt sowie einer Heimleiterin, die trotz ihres Einsatzes für die Gemeinschaft eben inmitten jener vereinsamen. Und mittendrin die misslungene, vor sich hinbröckelnde Statue des erfundenen Heiligen Jolander, die in ihrem allmählichen Zerfall einen echten Symbolcharakter erhält. Entsprechend alltägliche Szenen und Dramen spielen sich innerhalb eines Jahres in der Heidestraße ab und zeichnen das Bild einer sich im Wandel befindenden Nachbarschaft, der große Änderungen bevorstehen: Korrupte Verwaltungsvertreter haben gewissenlosen Immobilienunternehmern das Feld überlassen, es soll etwas Neues, vermeintlich Besseres aus der Heidestraße entstehen, doch es regt sich Widerstand, denn nicht alle Bewohner:innen wollen ihren Posten kampflos räumen.

Augenscheinlich so schlicht und doch so komplex. Denn Seethaler stellt uns seine Figuren nicht vor, er wirft uns unvermittelt mitten rein in das Gewimmel aus den fragmentarischen Gedanken, Wortwechseln, Selbstgesprächen und Beobachtungen der zahlreichen, oftmals namenlosen und nicht selten fast schon gesichtslosen Menschen, die sein Buch bevölkern. Als Leser:in fühlt man sich daher zunächst recht verloren und hat Mühe, hinterherzukommen und Anschluss zu finden – wohl ganz ähnlich wie viele Bewohner:innen der Heidestraße, die trotz der scheinbaren Gemeinschaft still und heimlich vereinsamen. Mit der Zeit lässt sich dann zwar Einiges zuordnen und man kann Verbindungen ziehen, Manches bleibt jedoch bis zum Schluss ohne Anknüpfungspunkt im Raum stehen. Dennoch gelingt es Seethaler, aus diesen vielen Schnipseln einzelner Momentaufnahmen eine Art Flickenteppich – wenn auch mit dem ein oder anderen Loch – zu weben, sodass die Leser:innen ein Bild davon bzw. ein Gespür dafür bekommen, was die Heidestraße und ihre Bewohner:innen umtreibt, doch an den locker zusammengenähten, teils auch losen Enden sollte man lieber nicht ziehen. Darauf muss man sich nicht nur einlassen wollen, diesen Umstand muss man auch aushalten können.
Was den fragmentarischen Charakter und die zahlreichen Figuren betrifft, ähneln sich Das Feld und Die Straße durchaus. Doch während in Ersterem noch genau das richtige Maß an Sentimentalität, versöhnlichen Momenten und vor allem Witz die Abgeklärtheit, Schonungslosigkeit, Nüchternheit und Bitterkeit so wunderbar ausgeglichen haben, malt der Autor in Die Straße ein gänzlich trostloses, ernüchterndes und verbittertes Bild einer zunehmend verrohten Ellbogengesellschaft in dunklen Farben und spitzer Feder bzw. spitzem Pinsel, wenn man so will. Einen wenn auch noch so kleinen Hoffnungsschimmer habe ich hier tatsächlich vergebens gesucht. Vielleicht auch kein Wunder bei den Themen, die hier verhandelt werden: Von Vereinsamung, psychischen Erkrankungen, Selbstentfremdung, Isolation, Gewalt, Kriegstraumata, Suizid, Xenophobie, Brandkatastrophen, Rassismus, Zwangsräumung und Gentrifizierung ist hier an schwerer, teils auch belastender Kost vielerlei geboten.

Musste ich bei Robert Seethalers früheren Werken aufgrund der Skurrilität mancher Szenen noch schmunzeln oder gar lachen, hat mich hier Vieles eher traurig oder immerhin nachdenklich gestimmt. Das war schlussendlich sogar mir fast zu viel bzw. gerade noch an der Grenze des für mich Ertragbaren – und ich bin wahrlich keine Leserin von Wohlfühlliteratur. Aus diesem Grund ist es mir wichtig, zu betonen, dass man definitiv in der richtigen, sprich zumindest in einer halbwegs stabilen Verfassung sein sollte, wenn man diesen Roman lesen und ihn am Ende nicht komplett desillusioniert und demoralisiert zuklappen möchte.
Das Paradoxe daran: Ich habe Die Straße trotzdem irgendwie gerne gelesen und bin wieder durch die Seiten geflogen, denn ich bewundere Robert Seethaler nach wie vor für sein Talent, den Gefühlen, stillen Sehnsüchten und tiefen Abgründen der Menschen nachzuspüren und sie in seinem typischen schnörkellosen Stil so genau darzulegen, dass man das Beschriebene direkt vor Augen hat. Hier nur einige Beispiele:
Da liegen sie in ihren Betten und treiben dahin wie in kleinen Booten, jeder für sich ganz allein auf dem tiefen, schwarzen Meer aus Benzodiazepinen. (S. 9)
Die Leute von nebenan sind weg. Sind sie gestorben oder haben sie einfach nur aufgegeben? Es ist sehr still. Merkwürdig, was man alles vermissen kann. Die Kinder. Eine Erinnerung. Oder das Geräusch der Klospülung auf der anderen Seite der Wand. (S. 143)
Ich hab nicht gewusst, dass es so wehtut. Manchmal fällt mir etwas ein, ein paar Worte von ihr oder eine kurze Berührung, und dann möchte ich am liebsten ein Loch in die Wand schlagen, weil doch alles so schön war. Aber das Schlimmste ist: Ich muss ständig an die Dinge denken, die wir nie miteinander hatten. (S. 207)
Wo wollen die Menschen bloß hin? Da unten gehen sie, und der Regen weht ihnen in die Augen, und sie sind müde von der Arbeit und müde vom Tag und müde von den weiten Wegen, und der Wind fällt über die Dächer und zieht durch die Straße. (S. 229)
Ja, die Bewohner:innen der Heidestraße schimpfen, klagen, zaudern, verurteilen viel, vor allem aber tun sie Eines ganz besonders: Sie reden nicht miteinander, sondern übereinander oder bestenfalls aneinander vorbei – oder sie reden mit sich selbst, weil ihnen niemand zuhört, oder schreiben Briefe, die nie beim Adressaten ankommen. So sind die meisten, auch wenn sie die anderen und deren vermeintliche Verfehlungen nur allzu gern beobachten, mit sich selbst beschäftigt, und Verständnis oder Mitgefühl für die anderen wird kaum bis gar nicht aufgebracht. Glücklich und zufrieden scheint hier niemand zu sein. Damit richtet Seethaler gewissermaßen ein Brennglas auf die Gesellschaft und zeigt mehr als eindringlich, was derzeit aus dem Ruder läuft. Vor diesem Hintergrund kann man den Roman durchaus als ein gelungenes, obgleich erschreckendes Zeugnis der Zeit und des aktuellen Zeitgeists betrachten, was ihn wohl aktueller denn je macht.

Zwischen dem letzten Seethaler-Roman, der mich mit seiner Poesie sehr berührt hat, und heute liegen eine Pandemie, Kriegsausbrüche und bedenkliche politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die sich natürlich mal mehr, mal weniger auf die eigene Weltansicht und so auch auf das eigene Schreiben niederschlagen können. Die Welt ist nicht mehr dieselbe, dessen sind sich wohl nicht nur der Autor, sondern auch seine Leser:innen bewusst. Und auch ich selbst kann bei allem, was momentan in der Welt geschieht, bisweilen nicht umhin, mit wachsender Verbitterung auf sie zu blicken und manchmal an der Menschheit schier zu verzweifeln. Aber vielleicht ist es trotz allem oder genau deshalb folgende Erkenntnis, die wir aus der Lektüre dieses Romans mitnehmen können, wenn dieser schon kaum Trost zu spenden vermag: Wir müssen wieder lernen, aufeinander zuzugehen und mehr aufeinander zu achten. Denn die Veränderung fängt bekanntermaßen im Kleinen an – zum Beispiel in einer gewöhnlichen Straße in einer ganz normalen Stadt. Möglicherweise bleibt uns dann ja doch noch die Hoffnung, dass es irgendwann einmal wieder besser oder gar alles gut wird. Denn, so stellen zwei Bewohner:innen der Heidestraße treffend fest: „Und unser Leben? Geht weiter. Was sonst?“ (S. 114)
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