Rezension: “Shuggie Bain” von Douglas Stuart

Zwischen Anmut und Hässlichkeit, Hoffnung und Verzweiflung, Empathie und Abscheu

Für gewöhnlich mache ich mir nicht viel aus (inter-)nationalen Literaturpreisen. Okay, zugegeben, im Sommer schmökere ich dann doch ganz gerne durch das Leseprobenheft mit den Nominierten des Deutschen Buchpreises, aber hauptsächlich aus Gründen der Inspiration – den Gewinner lese ich dann trotzdem nur, wenn er mich inhaltlich anspricht, und nicht wegen seiner Auszeichnung. Oft treffen die Preisträger nämlich nicht so richtig meinen Geschmack. Dass der Gewinner des Booker Prizes 2020, dem wichtigsten britischen Literaturpreis, hier für mich jedoch eine schöne Ausnahme sein würde, das wusste ich schon, nachdem ich den Klappentext von Douglas Stuarts Debüt Shuggie Bain gelesen hatte: Ein Roman, der in Schottland spielt und alles andere als leichte Kost zu sein scheint, der wandert bei mir natürlich ohne Umwege direkt auf die vorderen Plätze der Leseliste. Zwar hat es dann letztendlich noch ein bisschen gedauert, bis ich mich Shuggie Bain widmen konnte, doch dann habe ich mich dieser herzzerreißenden, bedrückenden, bisweilen schonungslosen und gleichzeitig zärtlichen Geschichte, bei der trotz all der Düsternis und des Elends immer wieder Funken voller Hoffnung, Wärme und Mitgefühl zum Leser überspringen, völlig hingegeben und wurde nachhaltig beeindruckt.

Glasgow in den 1980ern, die drastische Wirtschaftspolitik unter der Regierung von Premierministerin Margaret Thatcher hat ihre Spuren in Großbritanniens Industriestädten hinterlassen, in der größten Stadt Schottlands liegt die Schwerindustrie am Boden, die Kohlebergwerke werden geschlossen, unzählige Menschen verlieren ihre Arbeit und rutschen gesellschaftlich (noch weiter) ab. Inmitten all dieses Elends und des Zerfalls träumt die dreifache Mutter Agnes Bain, die viel Wert auf ihr Äußeres und einen makellosen Auftritt legt, von einem glanzvolleren Leben. Getrieben von diesem Wunschtraum, hat sie ihren in jeglicher Hinsicht anständigen und zuverlässigen, aber nach ihrem Geschmack eben viel zu langweiligen Ehemann für den für sie zunächst weitaus aufregenderen Taxifahrer Shug Bain aus einer Laune heraus verlassen. Doch bald zeigt Shug sein wahres Gesicht, wird ihr gegenüber gewalttätig, geht unentwegt fremd und lässt Agnes und die drei Kinder schließlich nach großen Versprechungen in einem heruntergekommenen Mietshaus in einem Elendsviertel am Rande Glasgows sitzen. Zwar nach wie vor darum bemüht, perfekt auszusehen und den tadellosen Schein nach außen zu wahren, gerät die immer verzweifeltere und unglücklichere Agnes in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale aus Armut, Gewalt und Drogen, während alles um sie herum und nicht zuletzt ihre Familie zerfällt. Einzig ihr jüngster Sohn Hugh „Shuggie“ Bain weicht trotz – oder gerade wegen – allem nicht von ihrer Seite, kümmert sich aufopferungsvoll um seine alkoholabhängige Mutter und hat doch gleichzeitig mit seinen eigenen Problemen, darunter die Frage nach seiner Identität und Sexualität, zu kämpfen – dabei wünscht sich Shuggie doch eigentlich nichts anderes, als einfach nur „normal“ zu sein.

Nach dieser Inhaltsangabe ist es wahrscheinlich nicht verwunderlich, dass ich mir beim Lesen immer wieder die Frage gestellt habe, wieso der Roman nicht nach Agnes benannt worden ist, schließlich ist die dreifache Mutter Dreh- und Angelpunkt der ganzen Handlung, mitunter sind die Kapitel auch aus ihrer Perspektive geschildert. Im Grunde ist Douglas Stuarts‘ Roman, der im Übrigen dessen Mutter gewidmet ist, also Agnes‘ tragische Lebensgeschichte, wobei sie mit ihrem Verhalten und ihrer Persönlichkeit letztendlich die Lebensbahn maßgeblich prägt, ja eigentlich vorgibt, in der ihr Sohn Shuggie praktisch unverschuldet landet. So ist Shuggie Bain auch die Coming-of-Age-Geschichte von Shuggie, den wir im Alter zwischen sechs und siebzehn Jahren beim Heranwachsen in verarmten Verhältnissen und unter dem Einfluss einer alkoholkranken Mutter begleiten. Gleichzeitig erzählt Douglas Stuart hier eine Art Liebesgeschichte, wenn auch keine typische und auf jeden Fall mit dem Zusatz „tragische Liebesgeschichte“: Die Grundlage dieser Mutter-Sohn-Beziehung ist Shuggies bedingungslose, an Selbstaufgabe grenzende Liebe für seine Mutter Agnes, die ständig von Menschen enttäuscht wird und daher als Konsequenz ebenfalls alle enttäuscht – ganz besonders ihren Sohn, obwohl sie ihn liebt. Es gibt wenig, das an dem ganzen Roman nicht unglaublich tragisch und bewegend ist, aber vielleicht ist dieses Porträt einer toxischen Mutter-Sohn-Beziehung am herzergreifendsten von allem.

Die Belastung dieser Beziehung beziehungsweise letztendlich der Zerfall von Agnes‘ Familie, der durch Agnes‘ Niedergang bedingt wird, verläuft analog zum gesellschaftlichen und lokalen Verfall. Dieses extrem detaillierte Bild, das Stuart hier sowohl von Glasgow selbst als auch von seinen Einwohnern zeichnet, ist extrem bemerkenswert und vor allem faszinierend. Teilweise liest sich Shuggie Bain wie eine Gesellschaftsstudie, bei der die Stadt ebenfalls ein Untersuchungsobjekt ist und damit im Prinzip fast zu einem eigenen Charakter wird, der mindestens so lebendig wirkt wie sämtliche anderen Figuren. Überhaupt glänzt dieser Roman mit einer unfassbar plastischen und atmosphärischen Sprache, die bisweilen an Meister des Wortes wie zum Beispiel Charles Dickens erinnert und diesen meiner Meinung nach in nichts nachsteht. Die vielen dynamischen, im schottischen Dialekt verfassten Dialoge tun ihr Übriges und tragen zur extrem greifbaren Atmosphäre, die Douglas Stuart zwischen den Zeilen erzeugt, bei. Manche Szenen schildert der Autor so detailliert und bildhaft, dass sie sich mir so ins Gedächtnis gebrannt haben, als wäre ich selbst dabei gewesen, und ich sie nun praktisch wie ein Foto abrufen kann. Wie Agnes bei strömendem Regen in ihrem Pelzmantel zu Fuß auf dem Weg zum Pfandhaus ist, um den Mantel dort zu verpfänden und mit dem Geld Alkohol zu kaufen, hat sich mir tief ins Gedächtnis gegraben:

By the time she reached the outskirts of the city it had started to spit. It was a slight sprinkle at first that hung on the tips of the coat and glistened like hairspray. […] The spit became a downpour and soon the drenched coat slapped off her bare legs like a wet dog tail. She took refuge in a tenement doorway and watched the buses push dirty waves on to the pavement […]. Black mascara ran down her cheeks. She had a crumpled wad of toilet paper, and folding the sour boak stains into the back she wiped the lines beneath her eyes. The coat was sodden and matted in places where the water had pooled and sat. (S.131)

Mehrere Leser und Rezensenten haben mittlerweile schon auf die Parallelen zu Werken wie Frank McCourts autobiografischen Roman Angela’s Ashes oder Hanya Yanagiharas A Little Life hingewiesen. Da mir beide Romane bekannt sind, fielen auch mir einige Gemeinsamkeiten von, aber auch Unterschiede zwischen den Werken auf. So besticht Shuggie Bain zwar genau wie Angela’s Ashes mit detaillierten Sozialstudien und legt ebenfalls gleichermaßen den Fokus auf Familienbeziehungen, dennoch sucht man den für McCourts Werk so elementaren humorvollen Erzählton in Stuarts übrigens ebenfalls autobiografischen Roman dennoch vergebens. Das ist in diesem Fall aber nicht weiter tragisch, nur stellt dies eben einen grundlegenden Unterschied zwischen den beiden Büchern dar. Mit Yanagiharas nicht ganz unumstrittenen Roman A Little Life hingegen, mit dem ich im Übrigen, wie ich hier auch genauer ausgeführt habe, so meine Probleme hatte, teilt Shuggie Bain zwar einige thematische Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel die Suche des Protagonisten nach der eigenen Identität und dessen (Nicht-)Zurandekommen mit seiner Sexualität (die im Übrigen auch ähnlich in John Boynes The Heart’s Invisible Furies geschildert ist), geht jedoch in vielen Punkten ganz andere und vor allem behutsamere Wege als Yanagiharas Werk – das gilt nicht zuletzt vor allem auch für die Darstellung von Gewaltszenen, die bei Stuart weitaus weniger grafisch (und damit auch weniger verstörend) ausfallen. Der vielleicht größte Unterschied zu A Little Life besteht jedoch darin, dass Douglas Stuarts enorme Liebe für seine Figuren im Allgemeinen sowie natürlich für Agnes und Shuggie im Speziellen auf jeder Seite seines Buches deutlich zu spüren ist. Im Gegensatz zu seiner Kollegin Hanya Yanagihara, die nach meinem Empfinden fast schon Lust am Schmerz ihrer Charaktere zu verspüren scheint, bringt Stuart ihnen dagegen ein unglaubliches Mitgefühl entgegen, das vielleicht in den autobiografischen Zügen seines Romans begründet sein mag, auf alle Fälle aber direkt auf den Leser überschwappt.

Genau diese Empathie ist es auch, mit der man am Ende des Buches, nach dem praktisch unabwendbaren Verlauf und Ausgang der Geschichte, erfüllt ist – und nicht etwa mit Leere oder Schrecken.  Und das ist auch einer der bewundernswertesten Aspekte und größten Stärken dieses bemerkenswerten Debüts: Trotz all des Leids, das Stuart beschreibt, und all des Schmerzes, der seinen Figuren widerfährt, wird der Autor nicht müde, die Anmut mitten unter all der Hässlichkeit, die warmherzigen und zärtlichen gegenüber den abscheulichen Momenten und vor allem die kleinen Hoffnungsschimmer inmitten all der Verzweiflung hervorzuheben. Diese faszinierende Ambivalenz, die, wenn man genau hinschaut, zuweilen doch eine klare Tendenz zum Positiven zeigt, wurde in der Rezension der Times, wie ich finde, perfekt beschrieben: „A heartbreaking novel, a book both beautiful and brutal […] All that grief and sadness and misery has been turned into something tough, tender and beautifully sad.“ Somit ist es zwar nicht zu leugnen, dass die Geschichte bisweilen ziemlich an die Nieren geht und Shuggie Bain damit alles andere als Lesestoff zum Wohlfühlen bietet, dafür jedoch eine wunderbare und unheimlich bereichernde Lektüre ist, die enorm nachhallt. Für mich bleiben Agnes und Shuggie Bain jedenfalls unvergessen.

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