Rezension: „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Ein einziger Zwiespalt

Wenn ich ein Buch nennen müsste, dem man in den letzten Monaten auf sämtlichen Plattformen begegnete, über das so heiß diskutiert worden ist wie sonst selten und um das man deswegen kaum bis gar nicht vorbeikam, dann wäre das Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara. In ihrem neuesten Opus liefert die amerikanische Autorin Stoff, der nicht ohne Grund Aufsehen erregt und die Gemüter gehörig erhitzt, aber vor allem auch kräftig spaltet: Während die einen den Roman fast verteufeln, loben ihn die anderen förmlich in den Himmel – und ich habe das Gefühl, dass ich mich mit meinen Gedanken zu diesem doch in vielerlei Hinsicht sehr ungewöhnlichen Roman irgendwo in der Mitte befinde, nämlich im absoluten Zwiespalt.

Auch wenn (oder vielleicht auch weil) ich immer wieder Diskussionen über Ein wenig Leben aufmerksam verfolgt und einige Besprechungen interessiert gelesen habe, war ich eine Zeit lang vorsichtig. Im Buchladen habe ich erstmal versucht, einem Bogen um das Buch zu machen – nicht zuletzt auch wegen des markanten Covers. Auf diesem ist das ambivalente Mienenspiel eines Mannes zu sehen: Es lässt sich auf den ersten Blick nicht erkennen, ob der abgebildete Mann in dem Moment unsägliches Leid, einen tiefen Schmerz, Erregung oder gar Erleichterung verspürt. Auf alle Fälle löst das Bild automatisch Unbehagen und ein Gefühl der Beklemmung aus, sodass man lieber schnell wegschaut. Andererseits konfrontiert es den Betrachter mit seiner Präsenz und Ausdrucksstärke und weckt dessen Neugier. Es ist ein Hin und Her zwischen Abneigung und Faszination. Eine passendere Coverillustration für Yanagiharas Roman hätte man wohl nicht finden können, denn in diesem Fall steckt genau das drin, was auf der Packung steht (zumindest, was das Cover betrifft, zum Klappentext bzw. zur allgemeinen Vermarktung komme ich später noch): Die Lektüre setzt ambivalente Gedanken in Gang, sie hinterlässt gemischte Gefühle – außerdem wird bereits auf den ersten Blick kein Zweifel daran gelassen, dass es ein bisschen ungemütlich werden könnte.

Die Aussicht auf ein vielleicht etwas unbehaglicheres Leseerlebnis schreckte mich jedoch zunächst nicht ab. Generell gehöre ich nicht zu der Sorte „Wohlfühlleser“, die sich von Harmonie triefenden Geschichten berieseln lassen, und obwohl ich zwar keine Horrorliteratur oder Krimis/Thriller lese, bin ich durch mein Interesse an Kriegsliteratur mittlerweile soweit „abgehärtet“, dass ich nicht mehr bei sämtlichen Gewaltakten sofort zusammenzucke. Denn so viel sei an dieser Stelle schon einmal gesagt: Hanya Yanagiharas Roman ist regelrecht getränkt mit Szenen physischer und psychischer Gewalt der grausamsten Sorte. Ohne Frage, diese Stellen zu lesen, sich das Beschriebene und dessen Ausmaße für den/die Beteiligten vorzustellen bzw. vorstellen zu müssen, das war meistens tatsächlich sehr unangenehm. Dennoch bereiteten mir andere Aspekte des Buches deutlichere (emotionale) Schwierigkeiten, es war also eine andere Art von Unwohlsein, welche die Lektüre dieses Romans bei mir größtenteils erzeugte. Dazu aber später mehr, nun auch endlich einmal ein paar Worte zum Inhalt von Ein wenig Leben (ja, an solche Teaser (eigentlich aber noch viel miesere) könnt ihr euch schon mal gewöhnen, denn das beherrscht die Autorin nämlich meisterhaft):

Ein freundschaftliches Band, das von vier jungen Männern einst geknüpft wurde, zieht sich – teils klarer, teils feiner – durch die gesamte Geschichte und hält das fast 1000-seitige Werk zusammen. Mal ist es ganz stabil, mal etwas lockerer, mal droht es, zu zerreißen, doch im Grunde bildet es die Basis und vor allem die Ausgangslage für den Roman: Jude St. Francis, Willem Ragnarsson, Jean-Baptiste Marion (genannt JB) und Malcolm Irvine lernen sich am College kennen und gehen eine Freundschaft ein, die über die nächsten Jahrzehnte (mehr oder weniger) währen wird. Gemeinsam ziehen die vier Freunde nach New York, um Karriere zu machen und vielleicht auch das große Glück zu finden. Während Willem ein gefeierter Filmstar wird, geht JB einer Laufbahn als Künstler nach und Malcolm wiederum gründet später ein angesehenes Architektenbüro. Einblicke in den familiären und sozialen Hintergrund dieser drei Charaktere erhält der Leser recht früh, nur der vierte im Bunde, Jude, der einmal Karriere als Anwalt machen wird, bleibt lange ein unbeschriebenes Blatt – selbst seine Freunde wissen nichts über seine Vergangenheit. Schnell wird jedoch klar: Hier haben wir es mit einem innerlich und äußerlich sichtlich gezeichneten Menschen zu tun. Nach und nach erfährt der Leser, was tatsächlich hinter Judes Verhalten, seinem Humpeln und seinen mysteriösen Schmerzattacken steckt, nach und nach enthüllt Yanagihara somit das nicht enden wollende Martyrium des Jude St. Francis…

Je mehr Judes Leben und Leiden allmählich an Raum gewinnen, desto mehr werden die anderen drei Charaktere an den Rand gedrängt – eine Tatsache, die ich als sehr schade empfand. Natürlich ist dem Klappentext bereits zu entnehmen, dass Jude den Fokus der Geschichte bildet, gleichzeitig nehmen die in großen Lettern geschriebenen Namen der vier Männer die andere Hälfte der Buchrückseite ein und auch auf sämtlichen Werbemitteln werden die vier Namen, sprich die vier Männer sozusagen als eine Einheit, als gleichwertige Glieder präsentiert. Irreführend, wie ich finde. Zwar ist der Aspekt der Freundschaft zwischen den vier Charakteren in der Geschichte überwiegend präsent (zumindest irgendwie), die einzelnen Figuren, die Teil dieser Freundschaft sind, jedoch zunehmend weniger. Nach dem Zeitpunkt der Fokusverschiebung erscheinen vor allem JB und Malcolm nur noch sporadisch auf der Bildfläche, zu JBs Schicksal gibt es im späteren Verlauf der Geschichte immerhin noch eine etwas detaillierter beschriebene Episode, über Malcolm erfährt man kaum noch Genaueres. Mit Willem verhält es sich insofern etwas anders, als dass er durch sein besonderes Verhältnis zu Jude eine spezielle Position einnimmt (um Spoiler zu vermeiden, gehe ich allerdings nicht weiter ins Detail), doch auch hier hatte ich oft das Gefühl, dass er oft nur als Mittel zum Zweck diente – nämlich um Judes Schicksal, Handeln und Verhalten wiederum in den Vordergrund zu rücken. Und nein, selbstverständlich habe ich nichts gegen Jude (im Gegenteil!), ich finde es lediglich schade, dass hier Potenzial nicht genutzt und beim Leser umsonst Interesse geweckt wurde, indem einige Figuren etwas stiefmütterlich behandelt oder letztendlich gar lieblos abgesägt wurden (wer an bestimmte Geschehnisse gegen Ende des Romans denkt, stimmt mir da vielleicht zu).

Natürlich könnte man jetzt sagen: Wäre die Autorin auf gleiche Weise oder zumindest etwas mehr auf die anderen Charaktere eingegangen, wären zu den knapp 1000 Seiten nochmal 1000 hinzugekommen. Andererseits: Wenn man an anderen Stellen deutlich gekürzt hätte – und dazu bieten sich einige Gelegenheiten – dann hätte das nicht unbedingt der Fall sein müssen. Zum Beispiel hätte man Jude den ein oder anderen der ganzen Schicksalsschläge, die wirklich wie eine Salve auf ihn eingehen, definitiv ersparen können. Mir ist bewusst, dass es Hanya Yanagihara hier offenbar darum ging, solch unfassbar schwere Schicksale wie das von Jude eindringlich zu beleuchten, und dass sie laut einer Interviewaussage wohl absichtlich alles noch überspitzter gezeichnet hat, aber trotzdem war es mir irgendwann zu viel des Guten bzw. in diesem Fall eher zu viel des Schlechten: Weil Yanagiharas Protagonisten am laufenden Band jegliches Unglück widerfährt, das man sich nur ansatzweise vorstellen kann, rechnet man ab einem gewissen Zeitpunkt eigentlich nur noch mit der nächsten Katastrophe – der Überraschungseffekt bleibt zunehmend aus, man bekommt den Eindruck, als würde das Ganze ad absurdum geführt, die Geschichte verliert an Glaubwürdigkeit. Überhaupt hatte ich in diesem Kontext das Gefühl, als hätte die Autorin beinahe Spaß daran gehabt, ihre(n) Charakter(e) so leiden zu lassen, und das löste bei mir langsam Missmut aus.

So liefen anderen Lesern Sturzbäche an Tränen die Wangen hinunter, bei mir sammelte sich beim Lesen hingegen gehörig Wut im Bauch. Wut gegenüber Yanagiharas offenbarer Freude am (Darstellen von) Leid, Wut gegenüber ihrer Liebe für Teaser und auch Wut gegenüber meiner Neugier und der Tatsache, dass ich mich an dem damit zusammenhängenden Voyeurismus beteiligte. Vor allem aber machte mich die Ungerechtigkeit, die Jude widerfahren ist, aber gleichzeitig auch Judes Verhalten wütend. Ständig fragt man sich, wie viel Leid ein Mensch ertragen kann, wie viel man von dieser Bürde abgeben bzw. wie viel man Außenstehenden zumuten kann. Aufgrund vergangener persönlicher Erfahrungen mit psychisch kranken Personen in meinem eigenen Umfeld konnte ich mich vor allem in Willems, Andys und Harolds Lage versetzen, wodurch mir das Buch aber eben auch auf eine Weise nahekam, die ich als recht unangenehm empfand.

Dennoch habe ich mich bemüht, meine allgemeine Leseerfahrung nicht von meinen kleineren Schwierigkeiten mit dem Buch und vor allem nicht von dem Ärger, der (vermutlich) mit meinen persönlichen Erfahrungen zusammenhängt, vollends trüben zu lassen. So fiel mir an dem Roman besonders positiv auf, dass der soziokulturelle Hintergrund der Charaktere nie infrage gestellt, sondern einfach akzeptiert wurde – Gleiches gilt auch für die unterschiedlichsten Lebensmodelle. Außerdem konnte mich Ein wenig Leben auch sprachlich überzeugen und erzähltechnisch versetzte mich Yanagihara mit ihrer Suggestionstechnik immer wieder ins Staunen, auch wenn ich es ihr zugegebenermaßen einige Male auch ziemlich übelnahm. Die ständigen vagen An- und Vorausdeutungen erzeugen auf alle Fälle eine immense Spannung und halten den Leser auch über längere, weitschweifige Abschnitte bei der Stange: Einerseits ist das Unbehagen, das man beim Lesen nicht nur, aber vor allem wegen des Inhalts empfindet, schwer zu ertragen, andererseits schafft man es trotzdem nicht, das Buch wegzulegen. Somit wird der Leser in einen Abwärtssog gezogen, für dessen clevere Konstruktion ich Yanagihara sowohl bewundere als auch anprangere: Das manipulative Spiel mit der Neugier und der Abscheu des Lesers fasziniert und verärgert zugleich.

Der Verlag wirbt mit dem Slogan „Sie werden über dieses Buch sprechen wollen“ und ich glaube, meine Besprechung ist das beste Beispiel dafür, wie es Hanya Yanagihara schafft, ihren Lesern Gefühle und Gedanken zu entlocken und sie anschließend zum Sprechen zu bringen. In einem solchen Ausmaß ist mir das bei noch nicht allzu vielen anderen Büchern passiert. Trotzdem bleibt meine Haltung gegenüber Ein wenig Leben eine zutiefst zwiespältige, für mich bleibt es ein schwieriges Buch, das vor allem wegen seiner Radikalität und ausführlichen Behandlung von Themen wie beispielsweise (Kindes-)Missbrauch, Vergewaltigung, selbstverletzendes Verhalten und Suizid mit Vorsicht zu genießen ist. Es ist in vielerlei Hinsicht sicherlich ein außergewöhnliches Buch, aber ich denke nicht, dass es jeder gelesen haben muss.

Das signierte Exemplar, das ich im Rahmen eines Gewinnspiels von RavensBuch erhalten habe – danke noch mal dafür!

Infos zum Buch:

Verlag: Hanser Berlin

Erschienen: 30.01.2017

ISBN: 978-3-446-25471-8

Seitenanzahl: 960

Homepage: https://www.hanser-literatur-verlage.de/buch/ein-wenig-leben/978-3-446-25471-8/

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Habt ihr Ein wenig Leben bereits gelesen? Wenn ja, wie es es euch damit ergangen?
Zu welchem „Lager“ würdet ihr euch zählen?

Kommentare

  1. Liebe Elena,

    ich habe bislang einen weiten Bogen um „Ein wenig Leben“ gemacht. Neben dem wohl sehr intensiven Leseerlebnis, für das man mit Sicherheit viel Zeit und Energie aufbringen sollte, hat mich bislang vor allem die Flut von Rezensionen davon abgehalten. Das Buch wurde so heftig beworben, dass ich es erstmal hintenan stellen wollte, bis es etwas ruhiger darum geworden ist und die vielen Einzelmeinungen, die mir noch im Ohr klingen, etwas in den Hintergrund getreten sind.

    Ich finde, deine Besprechung hebt sich positiv von vielen anderen ab, weil du schilderst, wie du beim Lesen eine Haltung zur Autorin gefunden hast. Ich denke, man sollte nicht über ein solches Werk sprechen, ohne ein paar Worte darüber zu verlieren, welche Gedanken man sich zu dessen Autorin macht.

    „Ein wenig Leben“? Vielleicht später. Ich bin gespannt, ob einige das Buch zweimal lesen werden und wie seine Wirkung dann sein wird.

    Viele Grüße!
    Jana

    1. Liebe Jana,

      mir ging es ja anfangs ganz ähnlich wie dir, ich bin das Buch ja auch erstmal umgangen. Meine Neugier hat dann letztendlich aber doch gesiegt.
      Es freut mich sehr, dass meine Rezension in diesem Fall einen Mehrwert für dich hatte! Es ist tatsächlich so, dass ich mich beim Lesen immer wieder gefragt habe, was für ein Mensch hinter dieser Geschichte steckt und wie es wohl gewesen sein muss, diese Geschichte zu schreiben. Ich stelle es mir nämlich alles andere als schön vor, sich über einen längeren Zeitraum so intensiv mit solchen Themen und Charakteren auseinanderzusetzen…
      Und stimmt, es dürfte interessant sein, wie es Lesern nach einer zweiten Lektüre erging – von mir brauchst du da aber wahrscheinlich keinen Bericht erwarten, denn ich denke nicht, dass ich das Buch noch einmal lesen werde (und wenn, dann müsste doch sehr viel Zeit bis dahin verstreichen).
      Solltest du dich irgendwann doch noch an „Ein wenig Leben“ wagen, bin ich in jedem Fall auf deine Meinung gespannt!

      Viele liebe Grüße,
      Elena

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