Bericht: Tübinger Bücherfest 2017

Ein bisschen Kurzurlaub in der Gesellschaft von Bücherwürmern und grandiosen Autoren

Das Tübinger Bücherfest, in dessen Rahmen Literatur an historischen und ungewöhnlichen Orten inszeniert wird, fand in diesem Jahr bereits zum zehnten Mal statt. Allerdings hatte ich, obwohl eeeinige Freunde und Bekannte in Tübingen studiert haben oder sogar immer noch dort studieren, bis vor Kurzem noch nie von dieser tollen Veranstaltung gehört oder gelesen. Eine wirkliche Schande, da ich das Bücherfest ansonsten bestimmt schon vorher einmal besucht hätte. Umso froher bin ich, dass ich zumindest dieses Jahr rechtzeitig davon erfahren habe, denn nur ein Blick auf das hochkarätige Programm genügte, damit ich mir sofort ein sogenanntes „Bücherfestbändel“ sowie die ein oder andere Eintrittskarte für diverse Lesungen sicherte – unter anderem für die Auftaktveranstaltung „Schoog im Dialog“ mit Martin Suter, über die ich hier bereits ausführlich berichtet habe.

Nach der Veranstaltung mit Martin Suter, die zwei Tage vor dem offiziellen Beginn des Bücherfests stattfand, fragte ich mich tatsächlich, ob das noch groß zu toppen war. Übertroffen wurde die Veranstaltung von den Lesungen am Wochenende zwar nicht, aber sie waren auch definitiv nicht schlechter – sämtliche Veranstaltungen, die ich besucht habe, waren nämlich durch die Bank weg ausgezeichnet. Bereits vorab hatte ich mir für die beiden Tage (Samstag und Sonntag), während der ich in Tübingen sein würde, eine Vielzahl an Autorenlesungen herausgesucht, die mich sehr interessierten, u.a. waren dabei: Am Samstag Fatma Aydemir mit Ellbogen, Takis Würger mit Der Club, Benedict Wells mit Vom Ende der Einsamkeit, Sylvie Schenk und Herbert Leuchter mit Schnell, dein Leben, Timo Brunke mit Orpheus downtown und Najem Wali mit Im Kopf des Terrors; am Sonntag Claudio Magris mit Verfahren eingestellt, Hans-Peter Schühlen mit Stuttgarter Tatorte, Bruno Preisendörfer mit Als unser Deutsch erfunden wurde und Ilija Trojanow mit Nach der Flucht. Schon an dieser relativ kleinen Auswahl kann man wahrscheinlich erahnen, wie vielfältig das Programm des Bücherfests war. Tatsächlich war es noch viel größer und ich fühlte mich von den vielen tollen Veranstaltungen regelrecht überfordert. Zeitlich und auch Begleitungs-bedingt wurden es am Ende dann „nur“ vier Lesungen, die ich aber deswegen umso mehr genossen habe.

Bücherfest-Samstag

Nach der Ankunft in Tübingen gegen Samstagmittag ging es auch schon ziemlich direkt in die Altstadt zum Wilhelmsstift, in dessen schönem Innenhof Benedict Wells um 15.00 Uhr aus Vom Ende der Einsamkeit vorlesen sollte. Als nämlich klar war, dass ich das Bücherfest eh besuchen würde und ich sah, dass Benedict ebenfalls dort lesen würde, war es quasi beschlossene Sache, dass ich auch diese Lesung noch mitnehmen würde, zumal es jetzt ohnehin ein paar Jahre dauern wird, bis Herr Wells wieder mit einem neuen Roman am Start ist. Ähnliche Gedanken mussten auch einige der Anwesenden gehabt haben, denn im Hof des Wilhelmsstifts war auch schon eine Dreiviertelstunde vor Lesungsbeginn ordentlich was los – und um die begehrten Plätze im Schatten des Gebäudes zu bekommen und nicht der prallen Sonne ausgesetzt zu sein, musste man definitiv früh dran sein. Allerdings hätte man, wenn man sich wirklich den gnadenlos auf die vorderen Bankreihen knallenden Sonnenstrahlen ausgesetzt hätte, später vielleicht auch die Chance gehabt, sich unter den Pavillon neben den Autor höchstpersönlich setzen zu können – so geschehen mit einer Dame, welche die halbe Lesung über vermummt in der ersten Reihe gesessen hatte und dann von Benedict Wells dazu eingeladen worden war, sich zu ihm in den Schatten zu setzen. Das war letztendlich auch gar keine so schlechte Idee von ihm, da die Frau den erkälteten Autor dann, als ihm beim allerletzten Satz die Stimme versagte, noch beim Lesen ablösen konnte. Angeschlagen wie er war, hatte Wells obendrein auch noch sein eigenes Buch vergessen, wobei ihm aber auch hier zu Beginn der Lesung sofort eine Leserin aus der ersten Reihe zur Hilfe eilte und zum „Dank“ ein blutbeschmiertes Buch zurückbekam, denn Benedict hatte auf dem Cover versehentlich eine Fliege erschlagen – immerhin auch eine ganz besondere Erinnerung an die Lesung. Für andere Souvenirs in Form von Widmungen in den mitgebrachten Büchern hieß es dann sowohl für Autor und Leser: Ausdauer beweisen. Trotz Erkältung nahm sich Benedict nämlich wie immer sehr viel Zeit für seine Leser, weshalb er am Ende volle vier(!) Stunden Bücher signierte. Dafür ziehe ich wirklich meinen Hut vor ihm, denn ich wäre an seiner Stelle wahrscheinlich irgendwann vor Erschöpfung vom Stuhl gekippt. Wenn ihr mich fragt, hat dieser Mann schon allein deswegen einen Ehrenorden verdient! Und wenn schon nicht dafür, dann wenigstens für das besondere Talent, auch bei 30 Grad im Schatten noch für Gänsehaut zu sorgen (das war bei mir, als er die Stelle vorlas, an der sich Jules und Alva nach Jahren wiedersehen, nämlich allen Ernstes der Fall)!

Bücherfest-Sonntag

Da es am Samstag zeitlich nur für eine Lesung gereicht hatte, nahm ich mir am Sonntag umso mehr vor. So ging’s am Sonntagmorgen schon zu einer der ersten Veranstaltungen des Tages, nämlich zur Lesung von Claudio Magris im historischen Sitzungssaal des Tübinger Rathauses. Magris’ Roman Verfahren eingestellt hatte ich vor einiger Zeit im Buchladen bereits in der Hand gehabt, da die Thematik sehr interessant klang: Der Roman dreht sich um ein „Kriegsmuseum zum Zwecke des Friedens“, das es tatsächlich in Triest gegeben hat. Jürgen Wertheimer führte in die Thematik ein, während ein Schauspieler zwei längere Passagen aus dem Roman vorlas. Am spannendsten waren (für mich) allerdings die persönlichen Ausführungen des italienischen Schriftstellers: Als Germanistikprofessor hatte Magris einen regelrechten Vortrag über das Buch, aber vor allem auch über Literatur generell vorbereitet. Seine Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte seines Romans und den Hintergründen der behandelten Thematiken waren hochinteressant. Als Literaturwissenschaftlerin habe ich aber besonders seinen Darlegungen und Gedanken zu den Aufgaben von Literatur, Erinnerungsarbeit und dem Verhältnis von Geschichte und Geschichten aufmerksam gelauscht und förmlich in mir aufgesogen – ein wirklich aufschlussreiches Erlebnis, was mich natürlich dazu verleitete, mir den Roman nun endlich zuzulegen und diesen auch gleich signieren zu lassen.

Im Anschluss ging es dann einmal (gefühlt) quer durch die Stadt zum Landgericht, denn dort stellte um 13.00 Uhr Hans-Peter Schühlen sein Erstlingswerk Stuttgarter Tatorte im Schwurgerichts-Saal vor. Ein durchaus passendes Ambiente, zu dem der Autor und ehemalige Polizist meinte, dass es für ihn auch ungewöhnlich sei, den Saal einmal aus der Perspektive des Richters zu sehen. Schühlen hatte in über 40 Jahren bei der Kriminalpolizei und später in der Mordkommission viele spektakuläre Fälle erlebt, die er nun zu Papier gebracht hatte – sowohl zu deren Konservierung als auch zur eigenen Verarbeitung, aber auch vor allem aus dem Grund, das verzerrte Bild von der Polizeiarbeit, das oftmals in der Bevölkerung herrsche, ein bisschen geradezurücken. So berichtete Schühlen, wie er überhaupt eher per Zufall bei der Kriminalpolizei gelandet war und wie so mancher seiner Arbeitstage ausgesehen hatte. Als er von den Geschehnissen im „Deutschen Herbst“ 1977 und der „Todesnacht von Stammheim“, an deren Ermittlung er beteiligt gewesen war, berichtete, waren die Ohren des Publikums auf alle Fälle gespitzt. Neugierige hatten schließlich auch noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die der ehemalige Kriminalhauptkommissar nach bestem Wissen und Gewissen beantwortete.

Nach diesem Abstecher in den östlichen Teil der Stadt ging es ein letztes Mal zurück in die Altstadt zum Bürgerheim, in dessen idyllischem Innenhof um 15.00 Uhr noch Ilija Trojanow aus seinem neuen Buch Nach der Flucht las. Von dem majestätischen Baum, der als Kulisse für die Lesung diente und einem großen Teil des Publikums wohltuenden Schatten spendete, zeigte sich Trojanow anfangs noch schwer beeindruckt, später wurden ihm die darin nistenden Vögel ein bisschen zum Verhängnis: Die Vögel stimmten nämlich irgendwann ein derartiges Streitgezwitscher an, sodass der Autor beinahe übertönt wurde, wobei er ohnehin schon alle zwanzig Minuten den läutenden Kirchenglocken die Stirn bieten musste. Ilija Trojanow nahm es mit Humor und kreierte spontan ein Haiku: „Zwischen Vogelgezwitscher und Glockenläuten darf der Autor auch mal was sagen.“ Und was Trojanow zu sagen und vor allem vorzulesen hatte war unglaublich relevant: In seinem Buch beschäftigt er sich in oft poetisch anmutenden kurzen Texten und Gedankenabrissen mit den Erfahrungen von Flüchtlingen nach der Flucht und berührt und behandelt damit auch u.a. die Themen Fremdsein, Ankommenn oder die Macht der Sprache. Mit seinen Ausführungen wolle er zeigen, dass die Frage weniger „Wo kommst du her?“ als vielmehr „Wo gehst du hin?“ lauten sollte, und es gehe ihm auch um die endgültige Beantwortung der Frage, was Heimat denn überhaupt (für ihn) bedeute. Im Gespräch mit dem überaus interessierten Publikum sprach sich der in Wien lebende Autor außerdem für die gleichberechtigte Möglichkeit des Geschichtenerzählens aller Menschen aus und erklärte in diesem Kontext auch, dass er unerschütterlich an das Erzählen glaube und der festen Überzeugung sei, dass eher die Menschheit unterginge, als das Erzählen. Ein unglaublich starkes und treffendes Schlusswort für eine sehr beeindruckende und inspirierende Lesung, die mich nachhaltig zum Denken angeregt hat.

Mit Ilija Trojanows Lesung im Bürgerheim hatte das ohnehin schon grandiose Bücherfest einen überragenden Abschluss für mich gefunden. Noch einmal schlenderte ich über den Antiquariatsmarkt auf dem Holzmarkt bei der Stiftskirche und stöberte durch die verheißungsvoll gefüllten Bücherkisten der Stände. In den zwei Tagen hatte ich dort tatsächlich das ein oder andere Schätzchen und Schnäppchen entdeckt (in meinem letzten Monatsrückblick könnt ihr die Ausbeute sehen). Ich sog die Bücherluft und einmalige Stimmung noch einmal ganz tief auf und versuchte sie, so gut es ging zu konservieren. Die beiden Tage in Tübingen fühlten sich für mich wie ein Kurzurlaub an und ich habe die Zeit sehr genossen: Die Atmosphäre und das Ambiente waren großartig, das Programm ohnehin erstklassig und die Lesungen ausnahmslos genial, außerdem war es einfach nur wunderschön, sich unter all den Gleichgesinnten und Büchermenschen tummeln zu können. In diesem Sinne: Vielleicht bis zum nächsten Bücherfest in zwei Jahren, Tübingen!

Wart ihr auch schon auf einer ähnlichen Veranstaltung?
Wie hat es euch gefallen und was habt ihr dort erlebt?
Berichtet mir davon wie immer gerne in den Kommentaren.

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