Rezension: „Vincent“ von Joey Goebel

Der Preis hoher Kunst

Ich habe es schon lange aufgegeben, Radio zu hören. Von der größtenteils immer gleichen Dosenmusik von David Guetta, Rihanna und Konsorten bluten mir die Ohren. Auch ins Kino gehe ich nur noch sehr selten, vielleicht noch zwei oder drei Mal im Jahr, Tendenz eher abnehmend. Hier scheint mir langsam (mit wenigen Ausnahmen) genauso alles immer mehr zu demselben Einheitsbrei zu werden. Kein Wunder also, dass mir die Grundidee hinter der ausgeklügelten Strategie des Unternehmens „New Renaissance“, wie sie in Joey Goebels Roman Vincent beschrieben wird, zunächst zusagte. Denn Ziel der Firma ist es, die (amerikanische) Kultur zu verbessern bzw. von Grund auf zu reformieren. Eigentlich ein löblicher Kerngedanke. Der einzige Haken daran: Die Umsetzung. Um zu garantieren, dass die Quelle an großen Musikhits und kreativen Drehbüchern für Film und Fernsehen möglichst nie versiegt, sorgt das Unternehmen dafür, dass seine Schützlinge, die Künstler, durch Leiderfahrungen kreativ bleiben. Ein eigens dafür ausgewählter „Manager“ hat daher die Aufgabe, den jeweiligen Künstler auf Schritt und Tritt zu begleiten, sein Leben zu manipulieren und ihm dann und wann der Inspiration wegen physischen oder psychischen Schmerz zuzufügen.

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Eines dieser gequälten Wunderkinder und das Aushängeschild von „New Renaissance“ ist Vincent Djapushkonbutm. Als kleiner Junge wird er von seiner ungebildeten und naiven Mutter Veronica an diese Organisation regelrecht verkauft, auf deren Akademie für hochbegabte Kinder gesteckt und bekommt Harlan Eiffler als persönlichen Manager zugewiesen. Eiffler, ein ehemaliger Journalist und gescheiterter Musiker, ist der Erzähler des Romans und allein von ihm erfahren wir Vincents Geschichte und verfolgen den Werdegang und allmählichen Absturz des Genies. Anfangs Feuer und Flamme für das Vorhaben seines Arbeitgebers, der in der heutigen Unterhaltungsindustrie dominierenden Oberflächlichkeit und Verdummung qualitativ hochwertige Kunstwerke entgegenzusetzen und die gesamte Branche dadurch zu revolutionieren, lenkt, sabotiert und verpfuscht Eiffler Vincents Leben und Karriere. Angefangen bei Vincents früherem Familien- über sein Liebesleben bis hin zu seinem Selbstbild – Harlan hat als verlängerter Arm von „New Renaissance“ letztlich überall die Finger im Spiel. In Wirklichkeit werden sämtliche Entschlüsse über Vincents Kopf hinweg gemacht, er hat letztendlich keinerlei Entscheidungsmacht. Ihm bleibt allein seine Kunst, in der er seine Gedanken, Meinungen und Gefühle ausdrücken kann, während er trotz stetigen Erfolgs immer mehr vereinsamt und unglücklicher wird. Das eine bedingt das andere und so sorgen Eiffler und New Renaissance dafür, dass ihr Schützling überhaupt keine Chance hat, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Allerdings sind Vincents und Harlans Leben so eng miteinander verwoben, dass schließlich nicht nur Vincent einen (zu) hohen Preis für die Kunst zahlen muss, sondern auch sein Manager unweigerlich mit den fatalen Rückwirkungen seines Handelns konfrontiert wird.

Vincent und ich hatten zunächst einen etwas holprigen Start. Die ersten 70 bis 100 Seiten erschienen mir etwas anstrengend. Es war mir alles ein bisschen zu abgedreht und gerade die Beschreibungen von Vincents Mutter waren mir persönlich erst einmal too much. Aber ich merkte, dass man sich einfach darauf einlassen muss. Denn nach circa dem ersten Drittel habe ich mich während der Lektüre köstlich amüsiert: Die satirischen Bemerkungen über die Unterhaltungsbranche (hier vor allem Harlans Kritik an der Musikindustrie) und deren Klientel, aber auch Vincents anfangs unbeholfene Art haben mir sehr gefallen. Auch Harlans Ideenreichtum bezüglich der Sabotage von Vincents Leben und dessen Reaktionen darauf waren zu Beginn noch sehr unterhaltsam. Bis mir Vincent und auch zunehmend Harlan immer mehr leidtaten. Denn natürlich fragt man sich irgendwann, wie jemand so etwas mit seinem Gewissen vereinbaren kann, ob ein „höheres Ziel“ solch ein Verhalten rechtfertigt, ob es das alles wert ist und wie viel (Leid) jemand (hier sowohl Vincent als auch Harlan) überhaupt ertragen kann bzw. demjenigen zuzumuten ist. Vor diesem Hintergrund wundert man sich dann vielleicht auch, was hinter manch großer Kunst wirklich steckt.

Mich hat das zumindest nicht kalt gelassen. Dennoch flachte meine Begeisterung ab der Hälfte des Romans bis kurz vor dem Ende etwas ab. Zunächst einmal erschien mir der finale Handlungsgang (hier möchte ich wegen Spoilern nicht ins Detail gehen) etwas fragwürdig und abstrus, auch wenn mir das Ende wiederum gefallen hat, vor allem auch sprachlich. Außerdem wurden mir ab einem gewissen Punkt die übertriebenen Skizzen bestimmter Figuren (zu nennen wären hier u.a. Chad Carter, Kristina Gomez und Drew Prormps) und die detaillierten Darstellungen diverser Drogenexzesse und Orgien schlichtweg zu viel. Natürlich lebt Goebels Roman auch von diesen extremen Karikaturen, aber zumindest mir war es irgendwann zu viel des Guten, denn die Botschaft kommt, wie ich finde, früh und klar genug rüber. Leider blieben mir trotz Goebels größtenteils ausführlicher Charakterbeschreibungen auch die meisten Figuren schemenhaft – zumindest stellte ich im Nachhinein fest, dass sämtliche Charaktere (selbst Vincent und Harlan) für mich gesichtslos blieben, auch wenn ich mir den Rest gut vorstellen konnte. Ferner hatte ich – auch wenn ich mit ihnen litt, sie hasste oder mit ihnen sympathisierte – Schwierigkeiten, eine Beziehung zu den Figuren aufzubauen oder mich mit ihnen zu identifizieren. Gerade beim Titelhelden ist das besonders schwer, da er dem Leser lediglich über Harlan vermittelt wird. Vincent war für mich stets ein bisschen ungreifbar und abstrakt, aber vielleicht macht das ja gerade seinen „Legendenstatus“ aus.

Was mir an Vincent aber neben der Romanidee besonders gut gefallen hat ist seine Vielfältigkeit. Im Klappentext wird Goebels Werk als „ein Chamäleon von einem Roman“ bezeichnet und genau das ist es: Satire und Drama, sowohl dem Humor als auch dem Pathos verpflichtet. Goebels präzise Beobachtungsgabe, seine eindringliche Kritik an der gegenwärtigen Entertainmentindustrie und die bissige Ironie, die aus sämtlichen Seiten trieft, sind originell und bemerkenswert. Die Lektüre Vincents macht Spaß, trotz oder wahrscheinlich eben gerade wegen des ganzen Leids. Was für ein Paradox – und zugleich der Beweis für Joey Goebels künstlerische Raffinesse!

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Infos zum Buch:

Verlag: Diogenes

Erschienen: 01.04.2007

ISBN: 978-3-257-23647-7

Seiten: 448

Homepage: http://www.diogenes.ch/leser/titel/joey-goebel/vincent-9783257236477.html

Was haltet ihr von der Idee von „New Renaissance“? Entsteht Kunst zwangsläufig aus Leid? Ich bin gespannt auf eure Meinungen!

Kommentare

  1. Vincent ist ja eines meiner Lieblingsbücher. Die nicht so stark ausgearbeiteten Figuren habe ich einfach eingekauft – weil ich die Idee so genial finde und ich diese Story einfach liebe. Aber du hast natürlich recht, es ist viel too much – deswegen ist es so ein tolles Buch. 😉

    Liebe Grüße,
    Eva

    1. Liebe Eva,

      die Idee zum Roman finde ich ja auch richtig genial, deswegen kann ich es durchaus nachvollziehen, dass „Vincent“ zu deinen Lieblingsbüchern gehört. Ich reagiere einfach generell ein bisschen allergisch darauf, wenn Charaktere nicht detailliert ausgestaltet sind – das gleiche Problem hatte ich leider dann übrigens auch mit „Ich gegen Osborne“. :-/

      Viele Grüße,
      Elena

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