Rezension: “Leinsee” von Anne Reinecke

Malerische Idylle mit Schattenseiten

An diesem Debütroman aus dem Hause Diogenes hatte ich unerwartet und ungewöhnlich lange zu knabbern: Nicht nur habe ich selbst für meine Verhältnisse überdurchschnittlich lange für dieses Buch gebraucht, sondern auch das Schreiben der Rezension immer wieder hinausgezögert. Ich habe schlichtweg Zeit gebraucht, um die Lektüre wirken zu lassen und meine Gedanken zu sammeln. Nun habe ich aber doch einmal versucht, sie niederzuschreiben – auch, um in gewisser Weise meinen Frieden mit dem Roman zu schließen.

Eigentlich klang Leinsee für meinen Geschmack sehr vielversprechend: Ein spannendes Debüt, herausgegeben vom Lieblingsverlag, das sich um das Thema „Kunst“ dreht – als Kunstliebhaberin und ehemalige Kunststudentin waren mein Interesse sofort geweckt und meine Erwartungen zugegebenermaßen auch bereits recht hoch. Zugegeben, das im Klappentext erwähnte Wort „Liebesgeschichte“ hat mir zwar kurz ein paar Sorgen bereitet, denn damit kann ich eher selten etwas anfangen, doch überraschenderweise sollte es sich in diesem Fall dann sogar um das Element handeln, mit dem ich noch vergleichsweise am besten zurechtkam. Doch worum geht es in Anne Reineckes Roman überhaupt?

Im Zentrum der Geschichte steht der junge Berliner Künstler Karl Stiegenhauer, Sohn des berühmten Künstlerpaars Ada und August Stiegenhauer, deren Plastiken aus Harz, in das sie Asche oder zerkleinerte Objekte mischen, die ganze Kunstszene feiert. Um ihm angeblich ein Leben abseits des Trubels und einen eigenen Weg zu ermöglichen, schicken sie Karl schließlich auf ein Eliteinternat, doch das wahre Motiv dahinter wird schnell ersichtlich: Die beiden Ausnahmetalente sind sich selbst genug und nur auf sich und ihr Schaffen fixiert, für Karl ist hier schlichtweg kein Platz. Für immer von dieser physischen und psychischen Distanz zu den Eltern geprägt, sehnt sich der junge Mann auch Jahre später noch nach der Aufmerksamkeit, Liebe und Geborgenheit, die ihm als Kind verwehrt wurden. Diese nie verheilten Wunden werden schließlich wieder aufgerissen, als Karl unverhofft nach Leinsee, dem idyllischen Schaffensort seiner Eltern, zurückkehren und sich im Lichte der gegenwärtigen Ereignisse mit der Vergangenheit auseinandersetzen muss: Der Suizid seines Vaters und die unheilbare Erkrankung seiner Mutter werfen den jungen Künstler, der gerade dabei ist, sich selbst einen Namen zu machen, um Jahre zurück und plötzlich weiß Karl selbst nicht mehr, wer er ist und was er will. So begibt er sich am Ufer des malerischen Leinsees auf die Suche nach sich selbst und erhält auf seinem Selbstfindungstrip unvermutet Unterstützung von einem geheimnisvollen Mädchen namens Tanja, zu dem er eine einzigartige Verbindung aufbaut.

Der Protagonist bereitete mir auch schon die ersten Probleme: Es fiel mir von Anfang an schwer, einen Zugang zu ihm zu finden, denn trotz seines doch recht tragischen Schicksals konnte ich kaum Sympathie für Karl aufbringen. Seine Gefühle und Gedanken schienen mir fremd und auch sein Verhalten gegenüber bestimmten Personen (z.B. gegenüber seiner Freundin Mara) fand ich selten nachvollziehbar. Und wenn dann eben die Geschichte komplett aus der Perspektive dieser Person geschrieben ist und man nur schwer mit ihr nachempfinden kann, dann wird’s schwer, dabeizubleiben. Dementsprechend wenig gefesselt war ich von der Story, die ihren Fokus ohnehin nicht auf Spannung legt – aber das ist für mich auch kein Muss oder gar ein Garant für ein gelungenes Buch. Nur sollte es mich dann zumindest auf anderen Wegen, wie zum Beispiel durch gelungene Charaktere, anregende Gedankenanstöße oder mit einem einnehmenden Stil überzeugen. Während die ersten beiden Fälle sogar teilweise noch, aber eben nicht durchgehend, auf Leinsee zutrafen, hat der Stil leider auch nicht so richtig meinen Geschmack getroffen.

Keine Frage, Anne Reineckes Schreibstil ist einzig- und auch gewissermaßen neuartig. Er wirkt jung, frisch, anders. Alles Attribute, die mir im Hinblick auf Sprache und Stil oftmals willkommen sind, denn hier bin ich im Grunde offen, wenn’s denn funktioniert – bei Leinsee war das jedoch nicht durchweg der Fall. Obwohl mir die Idee mit den (teilweise) erfundenen Farben als Titelgeber von Kapiteln sehr gut gefiel, empfand ich manche der Wörter, die dann im entsprechenden Kapitel auch eingesetzt wurden, als fehl am Platz. Überhaupt wirkten die Sätze größtenteils recht konstruiert und „gewollt“ auf mich: Statt Natürlichkeit und Leichtigkeit hervorzurufen, passierte oft das genaue Gegenteil, die Formulierungen erschienen mir künstlich und hölzern. Generell erinnerten mich der schnörkellose, teils sehr direkte Stil und vor allem die teilweise abstrusen Wortaneinanderreihungen/Neuerfindungen manchmal an Robert Seethalers Werke – nur eben mit dem Unterschied, dass diese ganz besondere Ausdrucksweise bei ihm (für mich) funktioniert, während sie mir bei Reinecke in den meisten Fällen eher negativ auffiel. Schade, denn ein/e Autor/in mehr, der/die so oder so ähnlich schreibt, wäre mir auf alle Fälle willkommen!

Apropos Seethaler: Auch ein weiteres Element aus Leinsee hat mich an ihn bzw. ganz konkret an seinen Roman Die Biene und der Kurt erinnert. Um nicht zu spoilern, werde ich hier nicht weiter groß ins Detail gehen, aber so viel sei zumindest gesagt: Sowohl in Seethalers als auch in Reineckes Roman kommt eine Beziehung vor, in der ein signifikanter Altersunterschied zwischen den Partnern besteht. Bei Ersterem war das für mich definitiv ein Grund des Anstoßes, bei Letzterem konnte ich die Tatsache erstaunlich gut tolerieren. Tatsächlich hat mir dieser Teil der Geschichte sogar am besten gefallen (vor allem das sehr besondere Kapitel „Metallic-golden“ wird mir noch lange in Erinnerung bleiben!) und mich am Ende auch ein bisschen mit dem Roman ausgesöhnt. Das lag wahrscheinlich weniger an der Beziehung selbst, sondern vielmehr an der Tatsache, dass die Geschichte hier (endlich) etwas an Fahrt aufnimmt: So, wie Karl im letzten Drittel des Romans förmlich Leben eingehaucht wird, so viel lebendiger (und lesenswerter) wirkte Leinsee dann auf der Zielgerade doch noch auf mich – das war knapp, aber ist in dem Fall also noch einmal halbwegs gut ausgegangen.

Ehrlich gesagt, bin ich doch erleichtert, dass ich mit Leinsee letztendlich noch meinen Frieden geschlossen habe, denn normalerweise bin ich es von Diogenes-Romanen gewohnt, dass sie mich eigentlich von Anfang an mitreißen. Bei Anne Reineckes Roman habe ich auf diesen Punkt zwar vergeblich gewartet, aber immerhin konnte ich ihm schließlich doch noch Positives abgewinnen: Die Grundidee bzw. grundsätzlich auch der Inhalt haben mich angesprochen, mit der Umsetzung habe ich jedoch etwas gehadert. Aber das kann ja nächstes Mal auch wieder ganz anders sein und so steht einer zweiten Chance für Anne Reinecke, sollte sie einen Nachfolgerroman schreiben, auch nichts im Wege.

P.S.: In der Zwischenzeit bin ich übrigens in den Genuss gekommen, Anne Reinecke höchstpersönlich aus ihrem Buch lesen zu hören. Und, was soll ich sagen? Sie hat mich wirklich schwer beeindruckt: Sie ist nämlich eine begnadete Vorleserin, Hut ab!

Werbung – Vielen Dank an dieser Stelle an den Diogenes-Verlag für das Leseexemplar und die Möglichkeit, diesen Roman lesen zu dürfen.

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