Rückblick: Lesemonat Oktober 2016

Von kleineren und mittelmäßigen Enttäuschungen, aber auch von großen Überraschungen

Da ist er auch schon wieder vorbei, der Oktober. Schnell ging’s, eigentlich zu schnell. Aber ich freue mich darauf, euch nun meinen ersten Leserückblick zu präsentieren und kann es auch kaum erwarten, diese Kategorie in der nächsten Zeit fortzuführen. Los geht’s!

Für mich war der Oktober ein recht erfolgreicher Lesemonat (Semesterferien sei Dank), allgemein habe ich während der vorlesungsfreien Zeit so viele „Freizeitbücher“ gelesen wie sonst selten. Allerdings soll der Schein jetzt auch nicht trügen: Sobald die Unipflichten wieder laut(er) rufen, wird erfahrungsgemäß auch die Anzahl an Büchern, die ich für mich selbst lese, wieder schrumpfen. Aber jetzt erfreue ich mich erst einmal noch an den Werken, die ich diesen Monat gelesen habe und vor allem auch an denen, die im Oktober in mein Bücherregal einziehen durften. Fangen wir einmal mit den gelesenen Büchern an.

Gelesen im Oktober 2016Gelesen im Oktober 2016

Stoner von John Williams (leider nicht im Bild, da es bereits zurück in die Bibliothek musste): Stoner ist so ein Roman, den ich schon seit Ewigkeiten gelesen haben wollte: Ein Buch, in dem es um Literatur geht? Klingt nach meinem Geschmack, dachte ich. Nachdem sich die Empfehlungen auch langsam gehäuft hatten, beschloss ich, das Buch endlich in Angriff zu nehmen. Die deutsche Fassung hätte ich daheim im Regal stehen, doch ich wollte es im Original lesen, weswegen ich es mir letztendlich in der Bibliothek ausgeliehen habe. Doch, was soll ich sagen? Irgendwie wurden William Stoner und ich nie so wirklich warm miteinander. Ich kann es mir selbst auch nicht richtig erklären, aber irgendwas klemmte da und es hat mich fast ein bisschen gefrustet, weil ich wirklich davon ausgegangen war, dass dieser Roman genau mein Ding sein würde. Es ist nicht so, dass mir die Geschichte nicht gefallen hätte. Ich habe auch oft mit Stoner gefühlt und er tat mir aufrichtig leid, aber ich kann mir einfach nicht helfen: Mir war das Ganze ein bisschen zu zäh und der Stil für meinen Geschmack nicht flüssig und rund genug. Ich hatte einfach nie so richtig das Gefühl, das Buch nicht weglegen zu können beziehungsweise es sofort weiterlesen zu wollen. Vielleicht war es auch nicht der richtige Zeitpunkt. So sind Stoner und ich mit einem formalen Händedruck auseinandergegangen und das war es dann auch für’s Erste.

A Month in the Country von J.L. Carr: Durch die erst neulich erschienene deutsche Übersetzung ist dieses kleine Büchlein ja momentan recht aktuell. Da ich ja aber hauptsächlich auf Englisch lese, frage ich mich eigentlich, wieso ich in all der Zeit nie über diesen Schatz gestolpert war, zumal das Buch auch wieder Themen behandelt, die sehr meinen Interessen entsprechen. Seit geraumer Zeit lese ich so ziemlich alles, was mir zum Thema „Erster Weltkrieg“ in  die Hände kommt beziehungsweise sämtliche Bücher, deren Handlung zur Zeit des Ersten Weltkriegs spielen, und beschäftige mich deswegen auch u.a. mit PTSD. Diese Punkte werden auch in A Month in the Country mehr oder weniger deutlich thematisiert, von daher war die Lektüre schon aus diesem Grund sehr interessant für mich. Und als ehemalige Kunstgeschichtsstudentin mit einem zusätzlichen Faible für Archäologie kann einem bei der Geschichte, bei der es um die Restauration eines alten Wandgemäldes in einer Kirche geht, ja auch nur das Herz aufgehen! Zwar wartet der Roman nicht mit riesigen Spektakeln und Abenteuern auf, allerdings besticht er mit seiner sprachlichen Eleganz und Leichtigkeit enorm. So viele Stellen sind einfach nur so schön, dass man sie sich am liebsten vermerken möchte, weswegen ich es auch bei der Lektüre nicht nur einmal verflucht habe, dass ich das Buch lediglich aus der Bibliothek ausgeliehen hatte. Schließlich waren die Begeisterung für dieses wunderbare Büchlein und das Bedürfnis, ihm ein Zuhause in meinem Bücherregal geben zu wollen, auch so groß, dass ich es mir im Nachhinein noch gekauft habe kaufen musste.

Nocturnes: Five Stories of Music and Nightfall von Kazuo Ishiguro (ebenfalls nicht im Bild, da es schon wieder die Heimreise in die Bibliothek antreten musste): So oft war ich in letzter Zeit über diesen Namen gestolpert, sodass ich mich schon fast gezwungen fühlte, eines seiner Bücher zu lesen. Meine Wahl fiel deswegen zunächst auf Nocturnes, eben genau aus dem Grund, weil es um Musik gehen soll(te). Diese Kurzgeschichtensammlung war also sozusagen mein erster Flirt mit Ishiguro und, um ehrlich zu sein, hat es wohl (bis jetzt) nicht so richtig gefunkt zwischen uns beiden. In jeder der fünf Kurzgeschichten geht es um einen oder sogar mehrere Musiker (u.a. ein Gitarrist, ein Saxophonist und zwei Cellisten), aber dennoch hatte ich jedes Mal das Gefühl, dass weniger die Musik als vielmehr zwischenmenschliche Beziehungen im Vordergrund standen. Mit der ersten Kurzgeschichte, „Crooner“, fiel mir der Einstieg bereits schwer und auch „Come Rain or Come Shine“ ließ mich relativ unberührt, es schien mir alles etwas zu belanglos. In der Mitte des Buches mit der Kurzgeschichte „Malvern Hills“, die von einem jungen Gitarristen handelt, mit dessen Durchbruch es nicht so recht klappen will, nahm Nocturnes dann endlich etwas an Fahrt auf. Die Geschichte hat mir von allen fünf am besten gefallen. Auch die nächste Kurzgeschichte „Nocturne“ konnte mich noch vergleichsweise mitreißen. Mit „Cellists“ ist der Schluss in meinen Augen allerdings recht schwach geraten. Auch Ishiguros Stil und Sprache haben sich mir hier noch überhaupt nicht offenbart, sodass ich mir keine endgültige Meinung bilden konnte. Deswegen bin ich gespannt, wie es mir dann mit The Remains of the Day und Never Let Me Go, die ja beide auf meiner „100 Bücher“-Liste stehen, ergehen wird.

Der Gang vor die Hunde von Erich Kästner: Die erst neulich herausgegebene Originalfassung von Kästners Fabian war definitiv eines meiner Lesehighlights diesen Monat. Ich hatte ursprünglich gar keine großen Erwartungen an das Buch und wurde so komplett überrascht. Selten habe ich mich bei der Lektüre so köstlich amüsiert und dennoch gleichzeitig das Gefühl gehabt, einen umfassenden Einblick bekommen und zusätzlich viel gelernt zu haben. Ich habe förmlich die Momente, in denen ich ein bisschen Zeit zum Lesen abknappen konnte, und die Leseabende herbeigesehnt, da ich mich so darauf gefreut habe, weiterzulesen. Ich hätte zahlreiche Textpassagen markieren können, weil ich sie unfassbar genial und/oder urkomisch fand (zu nennen wären hier Fabians Gespräche mit seinem Arbeitskollegen und Vorgesetzten, der berühmt-berüchtigte „Ein ehemaliger Blinddarm erregt Aufsehen“-Part oder Fabians und Labudes irrwitzige Busfahrt durch Berlin), auch wenn sie eigentlich rein theoretisch oftmals zum Weinen waren. Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – Kästners Satire, Zynismus und Gewitztheit nimmt einen die Geschichte doch sehr mit, man fühlt mit Fabian, die dargestellte Endzeitstimmung der späten 20er Jahre kommt eindeutig rüber, man wird zum Nachdenken angeregt. Zwar scheint sich seitdem so vieles verändert zu haben, aber immer wieder fragt man sich, gerade mit Blick auf die aktuellen Geschehnisse, ob das wirklich so ist. Tatsächlich ist die Geschichte wieder aktueller denn je! Vielleicht werden viele Stellen aus diesem Roman heutzutage nicht mehr als derart skandalös verrufen, aber an Kontroverse hat das Werk immer noch nicht verloren, teilweise ging es auch mir so, dass ich mir dachte: „Besser ist’s, dass mir gerade niemand über die Schulter blicken und mitlesen kann.“ Aber wer es gerne bissig und raffiniert mag, dem sei ein Blick über die Schulter doch erlaubt und Kästners „echter“ Fabian auf alle Fälle empfohlen.

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler: Weiter ging es mit diesem stillen, unscheinbaren Büchlein – eigentlich ein ziemliches Kontrastprogramm zu Kästner. Doch Seethaler sollte für mein drittes Highlight in diesem Monat sorgen. Warum? Das werde ich bald in einer ausführlichen Rezension genauer ausführen.

The Uncommon Reader von Alan Bennett: Als ich in einem Deutschlandfunkbeitrag von diesem Büchlein erfuhr, dachte ich mir: Dieses Buch scheint wie für mich gemacht. Britisch durch und durch, es geht um die Royals und um das Lesen – eigentlich perfekt. Ja, es hätte so schön sein können… Auf die Gründe dafür, weshalb das Buch meinen (zugegeben) recht hohen Erwartungen dennoch nicht so wirklich gerecht werden wollte/konnte, werde ich ebenfalls in einer separaten Rezension gründlicher eingehen.

Mein Lesemonat bestand also aus einigen Hochs und Tiefs, wobei die Höhepunkte in Form von A Month in the Country, Der Gang vor die Hunde und Ein ganzes Leben auf alle Fälle deutlicher nachhallen als die Tiefpunkte – und so soll’s doch sein, oder?

Neuzugänge Oktober 2016

Gekauft im Oktober 2016

Nun noch kurz zu meinem zugegebenermaßen etwas eskalierten Bücherkauf in diesem Monat. Insgesamt sind gleich acht neue Bücher im Oktober bei mir eingezogen, allerdings handelt es sich immerhin bei zwei Werken um Anschaffungen für ein Uniseminar, das ich dieses Semester besuche. Wenn ich mir die Auswahl allerdings so anschaue, dann ist es eigentlich fast schon witzig/interessant, um was für eine „bunte Mischung aus Südwest“ es sich hier handelt: Von Krieg und Frieden, Abenteuergeschichten und Reportagen, nahen und fernen Ländern, Humorvollem und Schicksalhaftem, gewöhnlichen und besondere(re)n Menschen – es ist fast alles dabei. Hier ein kleiner Einblick in diese Wundertüte:

She von H. Rider Haggard: Für das Uniseminar zum Thema „Imperial Fictions“ angeschafft und ich kann bereits sagen: Diese Ausgabe ist gestalterisch absolut grauenhaft. Das Cover und dessen Gestaltung lassen zu wünschen übrig und von der Seitengestaltung (der Druck ist so winzig, dass man fast eine Lupe zum Lesen brauchen wird) wollen wir erst einmal gar nicht anfangen… Dadurch ist mir die Lust an der Lektüre schon fast vergangen. Ich hoffe, dass die Geschichte das alles wieder wettmachen kann…

A Month in the Country von J.L. Carr: Meine Meinung habe ich weiter oben bereits ausgeführt, aber hier nochmal: Ich freue mich wirklich, nun im Besitz dieses wunderbaren Büchleins zu sein!

Stay Where You Are and Then Leave von John Boyne: „Young Adult“ und deswegen eigentlich nichts für mich, aber das Thema „Erster Weltkrieg“ und die Tatsache, dass mich die Lektüre von Boynes The Absolutist im Frühjahr derart begeistert hat, waren Grund genug, diesen Roman anzuschaffen. Ich gehe davon aus, dass auch dieses Buch wieder runtergehen wird wie Öl und würde es am liebsten gleich lesen, aber es wird wohl leider noch ein bisschen warten müssen.

Von den Kriegen: Briefe an Freunde von Carolin Emcke: Ich habe gesehen, dass sie demnächst in der Gegend eine Lesung geben wird und da mich journalistische Reportagen immer wieder reizen, wählte ich dieses Werk zum Einstieg und als „Vorbereitung“ für die Lesung – auch, und das ist jetzt wahrscheinlich langsam auch keine Überraschung mehr, – wegen der Kriegsthematik. Ich bin gespannt.

Ein ganzes Leben von Robert Seethaler: Meine Meinung dazu werde ich bald veröffentlichen, aber nur einmal so viel: Definitiv eine Investition, die ich nicht bereue.

Die Biene und der Kurt von Robert Seethaler: Ein unglaublich merkwürdiger Titel, wie ich finde. Aber irgendwie weckt er auch Interesse. Und bei der Erwähnung von „Musik“ und „Roadtrip“ musste ich einfach unweigerlich an Becks letzter Sommer denken, welches ich ja heiß und innig liebe. Seethalers Stil sagt mir auch sehr zu, weswegen ich mich auf die Lektüre dieses wohl recht kurzweiligen Romans bereits richtig freue.

The Uncommon Reader von Alan Bennett: Beim Kauf musste ich hier tatsächlich nicht lange überlegen, da ich mir fast sicher war, dass ich hier nichts falsch machen konnte. Da habe ich mich dann wohl doch ein bisschen geirrt, aber mehr dazu zu einem anderen Zeitpunkt.

Kim von Rudyard Kipling: Diesen Roman wollte ich mir schon lange anschaffen und lesen – wie praktisch also, dass wir ihn ebenfalls in dem oben erwähnten Uniseminar behandeln werden. Da ich es in spätestens zwei Wochen gelesen haben sollte, wird’s hier auch langsam Zeit, mit dem Lesen in die Pötte zu kommen. Auf die Diskussionen darüber bin ich schon ziemlich gespannt.

Zu guter Letzt seien noch eine Handvoll Bücher erwähnt, die ich als Sekundärliteratur im Rahmen einer Hausarbeit gelesen habe, aber es war hier wirklich nichts Spannendes/Erwähnenswertes dabei. In dem Fall wartet nun also erst einmal Kim auf mich und auch The Remains of the Day von Kazuo Ishiguro und The Heart Is a Lonely Hunter von Carson McCullers liegen bereits auf meinem Nachttisch. Damit könnte ich dann auch meine ersten drei Bücher auf der „100 Bücher“-Liste abhaken. Sehen wir also mal, was es dann im nächsten Monat zu berichten gibt.

Welche Bücher habt ihr diesen Monat verschlungen? Welche Werke durften bei euch einziehen? Über Anregungen und Empfehlungen freue ich mich immer!

Kommentare

  1. Liebe Elena,
    ich merke momentan immer öfter, dass ich von Kästner noch viel zu wenig gelesen habe. Lieben Dank also fürs Erinnern! „The Uncommon Reader“ steht noch auf meiner Wunschliste – da wäre ich sehr interessiert, was dir an dem Buch nicht so sehr gefallen hat.
    Liebe Grüße, Cara

    1. Liebe Cara,
      erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar – das ist ja sozusagen die Premiere hier, deswegen habe ich mich sehr darüber gefreut! 🙂 Bei mir ist’s auch schon viiieel zu lange her, dass ich „Emil und die Detektive“ und „Das doppelte Lottchen“ gelesen (oder vielleicht sogar nur vorgelesen bekommen?) habe. Ich habe mir jetzt auch vorgenommen, wieder mehr von Kästner zu lesen, da ich die Lektüre von „Der Gang vor die Hunde“ so genossen habe.
      Die Rezension zu „The Uncommon Reader“ werde ich, soweit es jetzt geplant ist, im Laufe der nächsten Woche veröffentlichen. Vorab: Ich fand es wirklich nicht schlecht, aber ich denke, das Problem war hier unter anderem auch, dass meine Erwartungen vielleicht etwas zu hoch waren und es auch im letzten Monat starke Konkurrenz hatte (eben gerade Kästner, aber auch Seethaler).
      Liebe Grüße, Elena

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