Rezension: “Wie man es vermasselt” von George Watsky

Über die Kunst des charmanten Scheiterns

Als ich die Verlagsvorschau von Diogenes für den Herbst 2017 durchblätterte und auf den Titel Wie man es vermasselt eines gewissen George Watsky stieß, war ich skeptisch und neugierig zugleich. Skeptisch, weil sich das Buch allein optisch bereits sehr auffällig von der traditionellen und bestens vertrauten Covergestaltung des Verlags abhebt, ja sogar buchstäblich aus dem Rahmen zu fallen droht. Größer als die Skepsis war jedoch meine Neugier, ganz besonders wegen der Tatsache, dass es sich hier um die Texte eines gefeierten Poetry-Slammers und international bekannten Rappers handelt. Also wollte ich mich davon überzeugen, ob dem 31-jährigen amerikanischen Multitalent sein Prosadebüt gelungen oder etwa ganz gemäß dem Titel ein bisschen missglückt ist.

In seinem autobiografischen Kurzgeschichtenband Wie man es vermasselt schildert George Watsky in insgesamt dreizehn Stories ungewöhnliche und vor allem skurrile Episoden aus seinem jungen Leben und erzählt damit vor allem amüsante Geschichten über die kleineren und größeren Katastrophen des Erwachsenwerdens. So nimmt er uns zum Beispiel mit auf ein halsbrecherisches Abenteuer rund um einen Narwal-Stoßzahn, mehr oder weniger erfolgreiche Auftritte als ambitionierter Poetry-Slammer, einen trotz allem erkenntnisreichen Selbstfindungstrip nach Indien oder eine Konzerttour durch Nordamerika in einem schrottreifen „Tourbus“. Der rote Faden, der sich dabei stets durch diese und all die anderen Erzählungen zieht: Pleiten, Pech und Pannen in Form von allerlei peinlichen Situationen und misslichen Lagen, aus denen sich Watsky entweder gerade nochmal heraushieven kann und/oder denen er trotz allem immer noch etwas Positives abgewinnen kann.

Von schier unwahrscheinlichen Begebenheiten, ziemlich bizarren Vorfällen, durchaus möglichen Ausrutschern und völlig alltäglichen Fiaskos ist in Wie man es vermasselt also alles vertreten. Somit schildert der Autor hier zwar einige Erlebnisse, die dem gewöhnlichen Leser aller Voraussicht nach fremd sind oder zumindest recht fernliegen – zu nennen wären hier beispielsweise Elfenbeinschmuggel, das Leben als Epileptiker, das harte Showbusiness in Hollywood oder das Tourleben eines Musikers –, doch Watsky tut dies auf eine so anschauliche und authentische Weise, sodass einem diese Welten letztendlich gar nicht mehr so exotisch, sondern fast schon vertraut vorkommen. Vor allen Dingen glänzt Watskys Erzähltalent jedoch in den Geschichten, die näher am Alltag liegen und in denen seine präzise (Selbst-)Beobachtungsgabe und Gespür fürs Detail besonders gut zur Geltung kommen. Sei’s der tägliche Überlebenskampf in der Schule (und hier besonders auf dem Pausenhof und im Sportunterricht), der Hass auf die neue Zahnspange, der Wunsch nach Zugehörigkeit oder die ersten missglückten Flirtversuche: Hier gelingt es George Watsky meisterlich, die alltäglichen „Schrecken“ und Debakel der Kindheit und Jugend, mit denen sich jeder identifizieren kann, humorvoll in Szene zu setzen.

Gleich mit der ersten Geschichte, die den schlichten Titel „Stoßzahn“ trägt, schaffte es der Autor, mich auf Anhieb mitzureißen: Sie ist spannend erzählt und man fiebert förmlich mit, ob es George und sein Kumpel schaffen, der lieben Tante June rechtzeitig zu ihrem hundertsten Geburtstag ihr sehnlichst gewünschtes Geschenk zu überbringen. Auch Watskys amüsante Darstellung seines verrückten WG-Lebens in einer völlig versifften Bruchbude in „Drei Stockwerke, drei Geschichten“ hat mir sehr gut gefallen. Besonders angetan war ich auch von der vorletzten Erzählung mit dem Titel „Der Weiße Wal“, die mir nicht nur meine eigenen Anfänge als Musikbegeisterte/Konzertgängerin wieder in Erinnerung rief, sondern auch einen interessanten Einblick in das chaotische Tourleben von Musikern gewährte. Außerdem blieb mir auch die mit der Frage „Welches Jahr haben wir?“ betitelte Geschichte, in der Watsky auf seine Erfahrungen als Epileptiker eingeht, sehr positiv im Gedächtnis, weil sie noch persönlicher und intimer wirkte als die anderen Erzählungen.

Was jedoch alle dreizehn Stories gemeinsam haben ist eine bedingungslose Selbstironie und grenzenlose Ehrlichkeit, die auf eine beeindruckende Selbstreflektion und Weitsichtigkeit von Seiten Watskys schließen lassen. So schlägt er zwar viele laute, aber zwischendrin auch immer wieder leisere, nachdenkliche Töne an, die einen häufig gleichzeitig zum Schmunzeln und zum Nachdenken bringen. Gerade wegen dieser Tatsache, aber auch generell wegen des frischen und jugendlichen Stils hat mich Wie man es vermasselt des Öfteren an die ersten Werke von Benedict Wells erinnert. Wer also Spinner und Becks letzter Sommer mochte, der dürfte bestimmt auch an Wie man es vermasselt Gefallen finden.

Mit seinem Prosadebüt beschert George Watsky seinen Lesern nicht nur kurzweilige und amüsante Lesestunden, sondern lehrt uns hier vor allem die Kunst des charmanten Scheiterns, die nämlich darin besteht, auch mal etwas zu wagen und seinen Träumen nachzueifern, dabei gelegentlich auf die Nase zu fallen, aber immer wieder aufzustehen und an Fehlschlägen zu wachsen. So zeigt er mit seinen Erlebnissen und in seinen lebensbejahenden Geschichten, dass das Scheitern zum Leben dazugehört und es immer wieder weitergeht, macht dem Leser damit aber auch auf sympathische Art und Weise klar, dass man sich selbst nicht immer ganz so ernst nehmen sollte. Wie George Watsky in seinen Kurzgeschichten wundervoll schildert, hat ihm das Leben die ein oder andere saure Zitrone gegeben, doch er hat eine erfrischende Limonade daraus gemacht – herausgekommen ist dabei dieser großartige Kurzgeschichtenband.

Und wer immer noch nicht ganz überzeugt ist, den kann ja vielleicht auch noch mein Bericht über Watskys Lesung in Tübingen im vergangenen September umstimmen.

Werbung – Vielen Dank an  die netten Mädels von Bücherkrächzen bzw. Ravensbuch für das Bereitstellen des Leseexemplars!

Weitere Rezensionen: Studierenichtdeinleben • Jules Leseecke • Mint & Malve • Frau Hemingway

Habt ihr Wie man es vermasselt bereits gelesen? Wenn ja, wie hat es euch gefallen?

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