Rezension: “Hinterhofleben” von Maik Siegel

Ein Berliner Hinterhof als Mikrokosmos für die Austragung der Flüchtlingsdebatte

Seit ihren Anfängen im Jahr 2015 ist die Flüchtlingskrise praktisch ein stetiger Bestandteil von Diskussionen in der (Welt-)Politik und den Medien. Dabei kommt auch immer wieder die Frage auf, wie mit den Flüchtlingen umgegangen werden und wie ein vernünftiges Miteinander gelingen soll. Grundlegend wird diese Debatte auf internationaler und nationaler Ebene ausgetragen, doch beschäftigt sie die Bürger selbstverständlich auch immer verstärkter in ihrem eigenen Alltag. Auf eben jener Ebene bewegt sich auch die Geschichte, die der junge Berliner Autor Maik Siegel in seinem Debütroman Hinterhofleben erzählt: Ein (scheinbar) ganz gewöhnliches Mietshaus im Prenzlauer Berg ist hier der repräsentative Austragungsort der Flüchtlingsdebatte.

Eigentlich stand es um die nachbarschaftliche Eintracht im Achtparteienhaus mit der Nummer „68“ zuletzt gar nicht schlecht: Dank eines bestimmten Vorkommnisses, das sämtliche Mietsparteien bis auf eine miteinander vereint hatte, grüßte man sich nun im Hausflur, traf sich auf eine Runde Skat oder fand sich zu gemeinschaftlichen Treffen im Hinterhof ein. Diese noch recht fragilen Beziehungen werden jedoch gehörig auf die Probe gestellt, als sich bald darauf zwei der Bewohner dazu entscheiden, einen illegal in Deutschland eingereisten syrischen Kriegsflüchtling bei sich aufzunehmen. Obwohl der Großteil der Hausgemeinschaft für den Einzug des jungen Syrers gestimmt hatte, dauert es nicht lange, bis der erste Unmut aufkommt und die kritischen Stimmen lauter werden. Nach und nach bröckeln die Fassaden und allmählich zeichnen sich die Gedanken und Absichten der einzelnen Bewohner immer deutlicher ab. Als schließlich ein erschütterndes Gerücht in Umlauf gerät und von dem neuen Mitbewohner scheinbar eine unbestimmte Gefahr ausgeht, ist es mit dem Hausfrieden ein für alle Mal zu Ende.

Maik Siegel wagt in seinem Erstlingswerk ein spannendes Experiment: Anhand der fiktiven Geschehnisse in dem Berliner Mietshaus untersucht und zeigt er, wie sich die Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsdebatte in einem solchen Mikrokosmos und damit fernab von der oft abstrakten globalen und nationalen Politik ganz konkret gestalten kann bzw. könnte. Denn schnell wird dem Leser klar: Das Haus und seine Bewohner stehen stellvertretend für die Haltung der Deutschen/westlichen Welt gegenüber der Flüchtlingsthematik und als Menschen ganz allgemein und insbesondere im Hinblick auf ihre Aussagen und ihr Handeln spiegeln die einzelnen Charaktere sogar bis zu einem gewissen Grad die deutsche/westliche Gesellschaft wider. So kommt in der Hausnummer 68 eine bunte Mischung an Persönlichkeiten zusammen: Frauen und Männer unterschiedlicher sexueller Orientierung, Junge und Alte, Familien und Alleinstehende, Pärchen und Wohngemeinschaften, Liberale und Konservative, Einheimische und neu Hinzugezogene, Teamplayer und Eigenbrötler usw. Kein Wunder also, dass hier demnach auch die unterschiedlichsten Meinungen zur Flüchtlingsthematik vertreten sind: Unter den „68ern“ – so nennen sich die fünfzehn Hausbewohner – finden sich Befürworter, Gegner und auch Neutrale, die dem syrischen Flüchtling je nachdem beispielsweise mit Toleranz, Neugier, Gleichgültigkeit, Kälte, Zweifeln, Besorgnis oder gar Ablehnung entgegentreten. Diese brisante Zusammensetzung hält natürlich ordentlich Konfliktpotential bereit, das nicht nur eine dramatische, sondern auch eine sehr unterhaltsame und mitreißende Geschichte garantiert.

Erzählt wird diese Geschichte aus den unterschiedlichen Perspektiven der Hausbewohner und so lernt der Leser die einzelnen Charaktere nach und nach kennen und bekommt dabei auch einen genaueren Einblick in ihr Leben und Denken. Als Leser entwickelt man eine regelrechte Freude an der Dynamik zwischen den vielfältigen Figuren, was sicherlich auch auf die (größtenteils) sehr detaillierte und lebhafte Charakterzeichnung zurückzuführen ist. Sei es im Falle des urbayerischen Grantlers Alfons Ott, der im dritten Stock als Hobbyschriftsteller ein Eigenbrötlerdasein fristet, des pflichtbewussten und ordnungsversessenen Rentnerpaares Klitzing im Stock darunter, der überfürsorglichen Helikoptereltern Sven und Anne Voigt im obersten Stock oder auch der kenianischen Familie Masawe im Erdgeschoss – durch die anschaulichen Beschreibungen werden all diese Figuren im Handumdrehen förmlich zu Bekannten und es macht Spaß, sie zu beobachten und, geführt von ihnen, dem Verlauf der Geschehnisse zu folgen. Spannend ist hierbei vor allem auch, dass sich die Sym- und Antipathien auch teilweise mit der Zeit verschieben, je mehr sich die einzelnen Charaktere dem Leser offenbaren. Somit entpuppt sich am Ende kaum jemand als die Person, die er/sie zu Beginn zu sein scheint, und so braucht es also Zeit (und für den Leser eben tatsächlich 250 Seiten), um sich ein annähernd konkretes Urteil bilden zu können – im Übrigen handelt es sich hierbei auch um ein zentrales Argument des Romans.

Die teils karikaturistische Darstellung des Großteils der Charaktere und die Gegenüberstellung der verschiedenen Typen, die diverse Klischees und Denkweisen vertreten, trägt auch in vielen Fällen dazu bei, dass man als Leser Parallelen zu eigenen Erfahrungen oder eventuell sogar (ehemaligen) Bekannten entdeckt. Dadurch werden die Geschichte und die Emotionen darin noch intensiver miterlebt. Andererseits sind dadurch jedoch leider auch ein paar Charaktere entweder einen Hauch zu klischeehaft geraten oder sie verblassen gegenüber anderen, stärker gezeichneten Figuren, sodass sie dem Leser nur sehr schwer bis gar nicht als Individuen vor Augen sind – mir erging es zumindest so bei den beiden Studentinnen Julia und Nikola sowie der Ärztin Valerie Kirstein. Auch Samih, der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, war für mich nur schwer greifbar. Dieser Umstand ist vom Autor vielleicht auch so beabsichtigt, da er dem Leser die Hintergründe und das tragische Schicksal des jungen Syrers nur stückchenweise und relativ spät verrät – was die Spannung zweifelsohne permanent aufrechterhält –, doch habe ich es als schade empfunden, dass diese so wichtige Figur dennoch im Hintergrund und stets passiv bleibt. Der Leser sieht Samih lediglich aus der (beschränkten) Perspektive des jeweiligen Hausbewohners, er selbst kommt kaum oder wenn dann nur indirekt zu Wort. Dadurch tut der Roman im Grunde genau das, was er eigentlich so scharf kritisiert: Statt die Flüchtlinge/Samih selbst reden zu lassen, wird über sie/ihn (und damit auch so gut wie nicht mit ihnen/ihm) geredet.

Dennoch weiß Maik Siegel mit der komplexen und heiklen Flüchtlingsthematik gekonnt umzugehen und liefert damit neben einer spannenden und umfangreichen Charakterstudie auch einen klugen Gesellschaftsroman, der den Lesern ein topaktuelles und enorm wichtiges Thema auf unterhaltsame und intelligente Weise näherbringt. Mit Witz und Charme werden Fakten recht subtil und nur in wenigen Ausnahmefällen sehr offensichtlich vermittelt, doch „moralapostelige“ Predigten sucht man hier erfreulicherweise vergebens. Lügenmärchen und Vorurteile werden somit teils nebenbei beiseite geräumt und gerade im Kontext der Flüchtlingsdebatte gängige Argumentations- und Denkweisen vor allem auch sprachlich geschickt untergraben. Überhaupt haben mir der jugendliche, erfrischende Stil und die teils provokante, aber stets pointierte und kluge Sprache des Autors gut gefallen. In diesem Zusammenhang habe ich auch die gelegentliche Verwendung von kindlicher Ausdrucksweise und diversen Dialekten/Spracheinflüssen, die mir ansonsten meistens weniger zusagt, als charmant und authentisch empfunden. Gerade auch anhand der Beschreibung und der Symbolik des alten Lindenbaums, der im Hinterhof des Hauses steht und immer wieder in der Geschichte auftaucht und diese auch rahmt, werden das bemerkenswerte Sprachgefühl und die feine Beobachtungsgabe des Autors besonders deutlich.

Zuletzt besteht ein großer Pluspunkt des Romans sicherlich auch darin, dass er dem Leser meisterhaft den Spiegel vorhält und langfristig zum Denken anregt: Nicht nur wird man unweigerlich dazu angehalten, sich mit seiner eigenen Haltung auseinanderzusetzen und diese gegebenenfalls zu überdenken, sondern erhält auch wertvolle Denkanstöße zu unterschiedlichen Themen wie beispielsweise Toleranz, Freundschaft, Homosexualität, Gutmenschentum, Kolonialismus, Fremdenangst, Flucht und Ankommen sowie natürlich der Flüchtlingsthematik im Konkreten. Das alles ist obendrein in eine überaus unterhaltsam erzählte und emotionsgeladene Geschichte verpackt, die einige wirklich überraschende Wendungen bereithält, dank derer die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten wird. Addiert man dazu noch den tollen Schreibstil und die vielen einnehmenden Charaktere – allen voran der unverbesserliche Zyniker Ott, hinter dessen harter Schale doch ein überraschend weicher Kern steckt, sowie der bezaubernde kleine Tumaini Masawe mit all seiner kindlichen Unvoreingenommenheit – erhält man hier im Falle von Hinterhofleben ein beinahe perfektes Gesamtpaket, mit dem sowohl „Experten“ als auch Laien auf diesem Gebiet bestens beraten sein dürften und bei dem ein jeder noch etwas dazulernen kann – und sei es bloß die Erkenntnis, dass wir alle nur allzu menschlich sind.

Werbung – Vielen Dank an dieser Stelle an den Autor und den Divan-Verlag für das Rezensionsexemplar und die Möglichkeit, diesen Roman lesen zu dürfen.

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Kommentare

    1. In dem Fall bin ich auch schon sehr gespannt, wie dein Urteil dann ausfallen wird. Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen, liebe Petra! 🙂

  1. Liebe Elena,

    danke für deine ausführliche Rezension. Von dem Buch habe ich vorher noch nichts gehört, aber es spricht mich sehr an. Die Thematik finde ich immer noch sehr aktuell und wichtig. Das Buch ist gerade auf meiner Wunschliste gelandet.

    Liebe Grüße
    Julia

    1. Liebe Julia,

      ich wäre wahrscheinlich auch nicht auf den Roman gestoßen, wenn mich der Autor nicht selbst kontaktiert hätte – dafür bin ich wirklich sehr dankbar, mich hat das Buch auf Grund der Thematik nämlich auch sofort angesprochen.
      Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es auch etwas für dich sein könnte. 🙂

      Viele liebe Grüße,
      Elena