Bericht: Lesung von Arundhati Roy am 12. September 2017 in Tübingen

Über eine starke und mächtige Frau

Nach einem Frühling und Frühsommer voller toller Lesungen folgte für mich ein lesungsfreier Sommer. Doch das Herbst- und Winterprogramm klingt sehr vielversprechend und dank der Lesung von Arundhati Roy in Tübingen hätte es für mich kaum einen besseren Start in die neue Lesungssaison geben können. Seitdem ich von Roys Lesereise und ihrem Abstecher in Tübingen mitbekam, hatte ich den Termin immer im Hinterkopf behalten. Ich war mir, nachdem ich mich mit ihren beiden Romanen relativ schwergetan hatte, nicht ganz sicher, ob ich die Fahrt nach Tübingen wirklich auf mich nehmen sollte. Da ich Arundhati Roy aber als Persönlichkeit sehr faszinierend und inspirierend finde und man ja auch nicht alle Tage die Chance bekommt, eine Booker-Preisträgerin live zu erleben, überwog am Ende meine Neugier doch. Also beschloss ich ein paar Tage vor der Lesung, die Karten endgültig klarzumachen – diese kamen dann auch gerade noch rechtzeitig am Tag der Lesung hier an. Der Nervenkitzel, ich kann’s euch sagen! Im Endeffekt war es das alles aber mehr als wert!

Ich glaube, es muss vor circa eineinhalb Jahren gewesen sein, als ich das erste Mal mit Roys Werken in Berührung kam. Im Rahmen eines Uniseminars, in dem wir Texte von indischen und pakistanischen Autoren und Autorinnen zu Menschenrechtsthemen besprachen, stand auch Roys Debutroman The God of Small Things sowie ihre Essaysammlung Listening to Grashoppers auf der Leseliste. Ersteres habe ich gelesen, zu den Essays sind wir dann aber gar nicht mehr gekommen. Die Lektüre des Romans gestaltete sich letztendlich sehr zäh und ich hatte zugegebenermaßen wenig Freude an der Geschichte. Dennoch ließ ich es mir auch nicht nehmen, Roys neuen Roman The Ministry of Utmost Happiness, der erst vor wenigen Monaten erschienen ist, zu lesen, obgleich auch dieses Buch wieder eine harte Nuss für mich war (wie auch in meinem letzten Leserückblick nachzulesen ist). Insgeheim hatte ich jedoch die Hoffnung, dass sich mir The Ministry of Utmost Happiness und vielleicht ja auch The God of Small Things durch den Besuch der Lesung ein bisschen mehr erschließen würden – und das war dann tatsächlich auch der Fall!

Die Neue Aula der Universität Tübingen

Letzten Dienstag ging es also mittags los nach Tübingen. Schon während der Fahrt wechselten sich Sonnenschein und Regen ständig ab und in Tübingen angekommen wurden wir dann erstmal mit einem heftigen Platzregen begrüßt. Nach einem kurzen Bummel durch die Altstadt und einem erfolgreichen Abstecher bei der Osianderschen Buchhandlung war dann auch schon Zeit für’s Abendessen. Um kurz vor 19.00 Uhr brachen wir schließlich gestärkt zur Neuen Aula der Universität Tübingen auf, in deren Audimax die Veranstaltung stattfinden sollte. Dort hatten sich dann auch bereits eine halbe Stunde vor Türöffnung ein paar interessierte Leser eingefunden und bald waren schon viele Leute anwesend, sodass wir Wartenden den Hörsaal sogar etwas früher betreten durften. Die vielen Sitzreihen, die weit nach oben anstiegen, füllten sich nach und nach und die Vorfreude und Spannung auf Arundhati Roys Eintreffen war deutlich zu spüren. Um kurz nach 20.00 Uhr betrat Roy schließlich zusammen mit Schamma Schahadat, der Moderatorin an diesem Abend, den Hörsaal und wurde von einem tosenden Beifall empfangen. Nach einer kurzen Begrüßung von Heinrich Riethmüller, Geschäftsführer der Osianderschen Buchhandlung, stellte Schahadat Arundhati Roy vor. Anschließend las die Autorin am Rednerpult den Prolog ihres neuen Romans vor und ich war im Nu von dieser Frau verzaubert – und das Gleiche galt auch sicherlich für das restliche Publikum, das Roy ganz aufmerksam und fast begierig zu folgen schien.

Neben dem Prolog las die Autorin noch zwei weitere kürzere Ausschnitte aus dem Roman vor, während zwei längere Kapitel über den Konflikt in Kashmir aus der deutschen Übersetzung von Nicole Schneider vom Zimmertheater Tübingen gelesen wurden. Dazwischen stellte Schamma Schahadat der Autorin eine Handvoll recht weit gefasste Fragen zu The Ministry of Utmost Happiness, die von Roy jedes Mal sehr ausführlich beantwortet wurden und oft noch weitere Thematiken anschnitten. Ich fand es sehr gut, dass die Fragen recht generell waren und Arundhati Roy das Gespräch durch ihre Antworten auch gewissermaßen selbst lenken konnte. Dennoch konnte mich (und übrigens auch meinen Freund) Schahadats Moderation nur recht wenig überzeugen. Sie machte auf mich, obwohl sie scheinbar öfters durch Lesungen in Tübingen leitet, einen ziemlich nervösen und teilweise auch zerstreuten Eindruck – auch wenn ich sie dennoch dafür bewundere, wie sie es schaffte, die Essenz von Roys ausschweifenden Antworten direkt im Anschluss auf Deutsch kurz wiederzugeben.

Die erste Frage bezog sich beispielsweise auf das erste Kapitel des Romans, welches die Überschrift „Where Do Old Birds Go to Die?“ trägt. Wie Arundhati Roy erläuterte, ist dies eine direkte Referenz zu The God of Small Things, in dem eine Figur dieselbe Frage stellt. Im Zusammenhang mit einer der nächsten Fragen, die auf die Thematik der Mutterschaft in The Ministry of Utmost Happiness abzielte, sprach Schahadat Roy dann auch auf die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter an. So beschrieb die Autorin ihre Mutter einerseits als eine sehr verrückte Persönlichkeit, mit der sie nicht auf Dauer klarkomme, andererseits drückte sie aber auch ihrer Bewunderung für den Mut ihrer Mutter aus: Diese habe nicht nur außerhalb ihrer Kaste geheiratet, sondern sich sogar scheiden lassen, und leite nun eine lokale Schule. Im Verlauf ihrer Ausführungen kam Arundhati Roy auch auf die (Haupt-)Charaktere in ihrem neuen Roman zu sprechen, die, wie sie erklärte, alle eine Grenze in sich tragen bzw. unterschiedliche Arten von Grenzziehungen verkörperten. So stellt Anjum beispielsweise die Gendergrenzen und Tilo, die andere Protagonistin, die Grenzen zwischen den Kasten dar.

Vor dem Hintergrund der Frage nach den weiblichen Charakteren und den Mutter-Tochter-Beziehungen im Roman äußerte Roy schließlich einen der denkwürdigsten Sätze des Abends: Anjum und Tilo seien „strong, but not powerful women“, also starke, aber keine mächtigen Frauen. Sie wären wie Wasser, da sie ununterbrochen versuchten, ihren Weg zu finden – selbst durch Steine, die sie dann abnutzen würden. Und weil die beiden (genauso wie die anderen Charaktere im Roman) bereits gebrochen wären, könnten sie auch nicht weiter gebrochen werden. Überhaupt handle das Buch von Menschen mit seit der Geburt gebrochenen Herzen, die in der und durch die Gemeinschaft (z.B. diejenige, die in Anjums Gästehaus auf dem Friedhof in Old Delhi zustande kommt) wieder heilten. In diesem Punkt würden sich ihre beiden Romane auch grundlegend unterscheiden: Während in The God of Small Things eine ursprünglich intakte Familie zerbreche, würden in The Ministry of Utmost Happiness verletzte Menschen wieder heilen. Außerdem ginge es, so Roy, in ihrem neuen Roman auch um alle Arten von unkonventioneller Liebe.

Nichtsdestotrotz steckt der Roman auch voller Gewalt und Grausamkeiten – ein Umstand, der natürlich ebenfalls auf der Lesung thematisiert wurde. So betonte die Autorin in diesem Zusammenhang, dass sämtliche, in dem Roman dargestellten und thematisierten gewaltsamen Zwischenfälle tatsächlich so geschehen seien. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen hier vor allem die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen sowie der Kaschmir-Konflikt. Diesbezüglich erklärte Roy auch, dass es schlichtweg unmöglich sei, die Geschichte von Kaschmir auf einem anderen Weg zu erzählen als durch Fiktion, weil Fiktion Wahrheit sei, denn in einem Roman könne man den Konflikt von allen Seiten beleuchten – und die Betrachtung sämtlicher Perspektiven sei hier unbedingt nötig, um ein Verständnis für die generelle Atmosphäre zu bekommen. Roy beschrieb das Geschehen in Kaschmir also als einen „psychotischen Zustand“, der nicht faktisch aufgegriffen werden könne. So erklärte die Autorin auch auf die Frage hin, was für sie dann das Schreiben von Romanen und politischen Essays unterscheide, dass in der Fiktion ein Universum geschaffen werde, welches die Leser durchwandern könnten, während es in politischen Aufsätzen vorwiegend um die überzeugende Darlegung von Argumenten ginge.

Im letzten Punkt ging Roy genauer auf das Thema der „Sprache(n)“ in The Ministry of Utmost Happiness ein. Sie erklärte, dass der Roman in vielen Sprachen konzipiert sei und viele verschiedene Sprachen enthalte – schließlich sei Sprache auch eine umkämpfte Angelegenheit in Indien. So würden sich auch ihre Charaktere durch ihre jeweilige Sprache in dem Roman selbst übersetzen. Außerdem verdeutlichte Roy, die ihre Werke auf Englisch schreibt, dass die Oberfläche des Romans zwar auf Englisch verfasst sei, aber man bei genauerem Hinschauen viele andere große Fische erkennen könne, die unterhalb dieser Oberfläche schwimmen würden. Dennoch sei es ihr Anliegen gewesen, so Roy, dass alles auch ohne Kenntnis der anderen Sprache für ihre Leser verständlich sei.

Nach diesem etwa 90-minütigen Gespräch (inklusive Leseparts) hatte nun das Publikum noch die Gelegenheit, Arundhati Roy Fragen zu stellen. So fragte ein Herr beispielsweise, wie sie ihre zwanzigjährige Schreibblockade überwunden habe, woraufhin Roy betonte, dass sie in den zwanzig Jahren ja trotzdem geschrieben hätte, nur eben keine Romane, und sie im Falle einer Schreibblockade einfach etwas anderes machen würde – was einige Lacher im Publikum auslöste. Daneben erkundigte sich eine Dame aus Bangladesch nach der bangladeschischen Übersetzung des neuen Romans in ihrer Sprache (hier musste Roy dann für die Zuhörer dolmetschen) und ein weiterer Zuhörer (und passionierter Rolling Stones-Fan) wollte wissen, was es mit der Verwendung eines Teils der Lyrics des Songs „Ruby Tuesday“ am Ende von The God of Small Things auf sich hatte. Hier war die Kernaussage von Roys Antwort, dass ihr das Lied schon immer sehr viel bedeutet hätte. Sicherlich hätten noch einige der Anwesenden Fragen an die sympathische Autorin gehabt, doch sie sollte ja auch noch genügend Zeit haben, Bücher zu signieren, also wurde im Anschluss an diese kurze Fragerunde die Signierstunde eingeläutet. Arundhati Roy unterschrieb dann auch meine beiden Exemplare von The God of Small of Things und The Ministry of Utmost Happiness und schenkte mir noch ihr bezauberndes Lächeln, das ich nicht mehr vergessen werde.

Dieser gelungene Abend bestätigte mir somit drei Dinge: Arundhati Roy ist eine unheimlich starke UND (im Gegensatz zu ihren Protagonistinnen) mächtige Frau sowie eine überaus talentierte Schriftstellerin. Sie wirkte auf mich von Sekunde Null an sehr sympathisch und herzlich und ihre Ausführungen zu ihrem Roman waren wirklich interessant und aufschlussreich. Da ich dieser brillanten Autorin gerne noch viel länger zugehört hätte, hätte ich mir im Nachhinein gewünscht, dass die deutschen Leseparts ganz weg- oder wenigstens um Einiges kürzer ausgefallen wäre, damit Roy mehr Zeit gehabt hätte, auf die Fragen der Moderatorin oder des Publikums einzugehen. Dennoch bin ich sehr dankbar, dass ich diesen großartigen Abend miterleben durfte und die Möglichkeit hatte, diese bemerkenswerte Persönlichkeit einmal live zu sehen und kurz treffen zu können.

Für einen weiteren Einblick in die Geschichte und die Gegenwart Indiens, Roys Denken und in die Thematiken, die Roy in ihren Werken behandelt, kann ich außerdem dieses aufschlussreiche Gespräch zwischen der Autorin und Yves Bossart in der SRF Sternstunde Philosophie, das ich mit großem Interesse angeschaut habe, nur empfehlen!

Wie die Lesung in Frankfurt verlaufen ist, könnte ihr hier in einem ausführlichen Bericht bei LiteraturReich nachlesen – Vorbeischauen lohnt sich!

Aber nun zu euch: Habt ihr The God of Small Things oder The Ministry of Utmost Happiness gelesen?
Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!

Kommentare

  1. Ich war auf der Lesung in Frankfurt dabei und genauso wie du sehr fasziniert von der Autorin. Mir gefielen aber auch beide ihrer Romane sehr. Interessant, wie sich doch die Fragen und vor allem Antworten auf beiden Veranstaltungen glichen. Einige Aspekte waren aber auch neu, Danke, dass du mich daran teilhaben lässt. Insgesamt hatten wir wohl ein wenig mehr Glück mit dem Moderator, der die Autorin auch persönlich sehr gut kannte. Viele Grüße!

    1. Ach schön, nochmal jemand, der bei einer Lesung von Arundhati Roy war und begeistert darüber berichtet hat! 🙂
      Habe mir gerade deinen Bericht durchgelesen und fand ihn ganz toll geschrieben! Finde es auch interessant, dass sich manche Fragen/Antworten doch glichen, aber das ist mir dann auch bei dem Gespräch von Roy und Yves Bossart in der SRF Sternstunde Philosophie, auf das ich im Beitrag auch verwiesen habe, aufgefallen. Ich schätze, diese Punkte sind der Autorin in diesem Fall eben besonders wichtig. Und ja, so, wie’s scheint, habt ihr in Frankfurt wohl echt eine bessere Karte mit dem Moderatoren gezogen als wir, obwohl ich zugegebenermaßen auch die Münchner ein bisschen um die Anwesenheit von Eva Mattes beneidet habe. Aber der wunderbaren Arundhati Roy durften wir ja alle zuhören, das ist ja die Hauptsache!
      Herzlichen Dank übrigens auch für die Verlinkung – werde hier auch gleich mal einen Verweis auf deinen Lesungsbericht einfügen! Viele liebe Grüße, Elena

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