Bericht: Lesung von Robert Seethaler in Ravensburg am 27. Juni 2018

Ein Erzähler, der in die Tiefe geht und tief berührt

Am vergangenen Mittwoch war’s für mich ein bisschen so wie Weihnachten im Sommer, denn einer meiner absoluten Lieblingsautoren war zu Besuch in meiner Heimatbuchhandlung. Als ich vor etlichen Wochen während einer Mittagspause davon erfuhr, dass Robert Seethaler im Juni bei RavensBuch aus seinem neuen Roman Das Feld lesen würde, musste ich mich danach schwer beherrschen, um im Büro keine Freudentänze aufzuführen. Von Woche zu Woche wuchs meine Vorfreude schier ins Unermessliche und ich fieberte dem Termin mindestens so sehr entgegen wie sonst einem Konzert einer meiner Lieblingsbands – und das will bei mir etwas heißen. Während am Mittwoch also alle anderen gespannt das WM-DebakelSpiel verfolgten, machte ich mich auf den Weg über den Bodensee und platzte fast vor Aufregung darüber, in wenigen Stunden endlich den Dritten im Bunde meiner liebsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren (neben Benedict Wells und Martin Suter) sehen zu können.

Auch bei vielen anderen schien die Freude über die (oder zumindest das Interesse an) der Lesung des Autors ähnlich groß gewesen zu sein, denn zehn Minuten vor Einlass wartete schon eine beachtliche Menschenmenge ungeduldig vor den Türen des Ravensburger Schwörsaals. Kein Wunder also, dass sich der für rund 300 Besucher bestuhlte Saal im Handumdrehen fast bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Von draußen drangen bereits die ersten WM-bedingten Jubel- und Empörungsrufe durch die geöffneten Fenster, als der von allen sehnlichst erwartete Gast neben der Ravensburger Autorin Karin Nowak, die die Lesung moderierte, an dem kleinen Lesetischchen auf der Bühne Platz nahm. Nach der Vorstellung lenkte die Moderatorin das Gespräch rasch auf Seethalers Schauspielkarriere, doch schnell merkte man ihm an, dass ihm das Thema irgendwie unangenehm zu sein schien – und seine Schilderungen machten auch deutlich, wieso: Als Kind habe er sich wegen seiner -19 Dioptrien und der „bierglasbodendicken Brillengläser“ oft sehr verloren und traurig gefühlt und deshalb ein „Schattenwelt-Selbst“ kreiert, mit dem er sich ans Licht heben wollte. Doch die Schauspielerei habe ihn sehr verletzt und mit einer verwundeten Seele zurückgelassen. So zog er sich wieder aus dem Licht zurück und fand in der Welt des Schreibens, die ebenfalls mit Bildern arbeitet, Schutz und Freiheit zugleich. „Mit dem Rückzug eröffnete sich für mich eine viel größere Freiheit,“ resümierte der Autor. Das Schreiben bedeute für ihn „Weite und Freiheit, zu denken und zu fantasieren“ und Sätze wie diese und seine wohl aufgrund des Themenwechsels nun lockerere Haltung machten deutlich, dass sein Herz eindeutig am Schreiben und nicht am Schauspielern hängt.

Dennoch tut sich der bescheidene Autor auch hier offenbar etwas schwer damit, auf seine Erfolge angesprochen zu werden. Als Karin Nowak Robert Seethalers zahlreiche Preise und Stipendien auflistete, rief dieser fast ein bisschen beschämt „Peinlich!“ dazwischen und erklärte, dass er bei all dieser Beweihräucherung gar nicht wisse, wie er sich verhalten solle. In Bezug auf seine jüngste Auszeichnung, den Rheingauer Literaturpreis, sprach er auch von einer gewissen Ironie, da der Preis unter anderem mit 111 Flaschen Wein dotiert sei: „Dabei trink ich doch nicht mal ‘nen Tropfen,“ lachte er. Überhaupt kam man als Zuhörer an dem Abend mehr als einmal in den Genuss des typisch Seethaler’schen Humors, der nicht selten gegen ihn selbst gerichtet war und damit zeigte, dass der Autor auch gut über sich selbst lachen kann. Und genauso, wie man diesen wunderbaren Witz auch in Seethalers Werken wiederfindet, deckt sich auch seine Art zu reden mit seinem unvergleichlichen Schreibstil: In seinen Antworten holte der Autor nämlich nie unnötig weit aus und konterte mit kurzen, präzisen und vor allem schnörkellosen Sätzen – eben so, wie man es von seinen Romanen gewohnt ist. Sehr authentisch und sympathisch!

Auf eines seiner großen Themen, „das Leben“, angesprochen, erklärte Seethaler, dass es ihm um „die Essenz eines Lebens“ ginge und er versuche, alles andere, „alles Unnötige wegzuschnitzen, wegzuhauen, wegzustreichen oder wegzuspülen“, was jedoch eigentlich unmöglich sei: „Das wäre, wie wenn man versucht, ein 6-Gänge-Menü auf eine Essenz zusammenzukochen, und das geht ja nicht.“ Aber es läge ihm sehr daran, zumindest in die Tiefe zu gehen, betonte Seethaler daraufhin deutlich. Und das merkt man auch wieder seinem neuesten Werk, Das Feld (Rezension folgt!), an, auf das die beiden nun auch noch (für meinen Geschmack leider viel zu kurz) zu sprechen kamen, bevor Seethaler Ausschnitte daraus vorlas. Nach der Idee zum Roman gefragt, erklärte der Autor so, dass man hier nicht von einem Grundgedanken sprechen könne, sondern die Geschichte vergleichbar mit einem Fluss sei, der sich ebenfalls nicht aus einer Quelle, sondern aus vielen, vielen Zuläufen speise – „außerdem regnet’s,“ ergänzte Seethaler trocken. „Es war nicht eine Idee, es war mein Leben. Ich trage den Willen, die Toten sprechen zu lassen, schon seit dreißig Jahren in mir und jetzt hab ich’s halt umgesetzt.“ Als Antrieb diente ihm offenbar eine Anthologie mit dreihundert Gedichten, die er aus seiner Jugendzeit kannte. In Das Feld habe er dann versucht, Erfahrungen aus seinem Leben festzuhalten.

Insgesamt las Robert Seethaler fünf mal etwas kürzere, mal recht lange Kapitel aus dem Roman – zu meiner Freude viel mehr, als ich ursprünglich erwartet hatte. Nach und nach lieh er „Hanna Heim“, „Gerd Ingerland“, „Susan Tessler“, „Kurt Kobielski“ und schließlich „Annelie Lorbeer“ seine Stimme und hauchte den fünf fiktiven Toten aus Paulstadt mit seiner hervorragenden Rezitationskunst sprichwörtlich Leben ein. Für jeden und jede von ihnen hatte er einen individuellen Stimmklang parat, unterstrich das Vorgelesene mit entsprechenden Gesten und profitierte hier doch klar von seiner Ausbildung. Immer wieder fragte er zwischen den einzelnen Geschichten, ob wir überhaupt noch eine weitere hören wollten. Jedes Mal wollte ich aufspringen und laut „Ja! JA bitte!“ rufen, denn ich habe ihm unheimlich gerne beim Lesen zugehört. Bezugnehmend auf eine Lesung aus Der Trafikant, die er kürzlich in Berlin besucht und die drei Stunden gedauert hatte, meinte der Autor beim Leseendspurt schließlich selbst, dass es nichts Schlimmeres gäbe, als zu lange Lesungen. Da bin ich jedoch anderer Meinung: Ich zumindest hätte mit drei oder mehr Stunden Seethaler absolut kein Problem gehabt.

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