Bericht: Konzert von Passenger in Winterthur am 4. November 2016

Noch nicht einmal einen Monat ist es her, dass der diesjährige Literaturnobelpreisträger bekanntgegeben wurde. Die Auszeichnung des Musikers Bob Dylan mit der höchsten literarischen Ehrung der Welt sorgte für reichlich Diskussionen in der Kulturlandschaft. Doch unbestritten scheint eines: Die Zuerkennung des Preises betont die enge Verbindung zwischen Musik und Dichtung. Denn Musik kann durchaus Poesie sein, gerade die Lieder von Singer/Songwritern. Natürlich liegen (noch) musikalische Welten zwischen Robert Zimmermann und Mike Rosenberg, doch gemeinsam ist ihnen zumindest folgendes: Poetische Sprache und das Geschichtenerzählen. Dies bewies letzterer, der unter dem Namen „Passenger“ wohl besser bekannt ist, am Freitagabend bei seinem Konzert in der Winterthurer Zielbau Arena wieder einmal eindrücklich.

Im Juli noch durfte ich Passenger bei einem ziemlich spontanen Auftritt mitten in der Hamburger Mönckebergstraße live erleben. Da war er ganz in seinem Element: Er ganz allein, nur seine Gitarre und seine Geschichten im Gepäck. Mittlerweile hat der britische Songwriter für sein erst vor Kurzem erschienenes Album Young as Morning Old as the Sea ein bisschen aufgestockt, denn nun wird er zum ersten Mal auf der Bühne von einer Band begleitet. Daheim, mit Kopfhörern auf den Ohren oder durch die Lautsprecher der Anlage klingt der neue Sound bereits viel opulenter und auch gewissermaßen geschliffener. Wie würde sich das auf der Bühne verhalten? Würden Rosenberg selbst sowie seine Lieder etwa ihren straßenpoetischen Charme einbüßen, dem ich im Sommer so erlegen war? Auf seinem Konzert in Winterthur wollte ich mir davon selbst ein Bild machen.

Der Support Act: Gregory Alan Isakov
Der Support Act: Gregory Alan Isakov

Wahrscheinlich nicht überraschend, aber: Kalt war’s in der Eishalle Deutweg. Und viele Mützen, Schals und Jacken blieben auch noch an, als der Support Act Gregory Alan Isakov um Viertel vor Acht die Bühne betrat. Mike Rosenberg höchstpersönlich hatte den amerikanischen Singer/Songwriter als einen seiner persönlichen Lieblingsmusiker dazu eingeladen, ihn auf seiner Tour zu begleiten. Aus diesem Grund hatte ich bereits im Vorhinein in einige von Isakovs Alben reingehört und mich bei „The Stable Song“ innerhalb von Sekunden in die Musik verliebt – eine wirklich schöne Stimme hat der Mann! Noch größer als ohnehin schon war demnach meine Vorfreude auf das Konzert am Freitag. Doch leider schien Isakovs Songauswahl weder mich noch die anderen Zuhörer komplett mitreißen zu können. Insgesamt sechs Lieder gab der Musiker zum Besten, allerdings handelte es sich hierbei um überwiegend recht stille Songs, die nicht wirklich zur Bewegung animierten und somit nicht für auftauende Gliedmaßen sorgten. Gregory Alan Isakov bezeichnete die Arena, als er sich nach seinem etwa halbstündigen Set beim Publikum bedankte, als „the vibiest hockey venue“, die er je gesehen hätte. Aber hier handelte es sich im wahrsten Sinne des Wortes zweifellos um „cool vibes“, denn das Bibbern sollte noch ein etwas weitergehen – und zwar auch noch ein bisschen länger als nur bis zum Beginn des Konzerts von Passenger.

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Denn auch beim Main Act des Abends brauchte es eine kleine Vorlaufphase oder in diesem Fall wohl eher Aufwärmrunde. Ob es beim restlichen Publikum an einem kurzen „Starstruck“-Moment oder doch an einer Kältestarre lag, ist schwer zu beurteilen, ich selbst ertappte mich jedenfalls während der ersten drei Lieder („Somebody’s Love“, „Life’s for the Living“ und „If You Go“) immer wieder dabei, Rosenbergs Straßenmusikzeiten herbeizusehnen. Dies war allerdings genau bis zu dem Zeitpunkt der Fall, als der Sänger mit einer sympathischen Anekdote aus früheren Zeiten die Herzen seiner Fans zum Schmelzen brachte und ihnen mit seinem Hit „27“ ordentlich einheizte. Das Eis war nun sprichwörtlich gebrochen. Auch die aktuelle Singleauskopplung des neuen Albums, „Anywhere“, sowie „Everything“, letzteres trotz wieder etwas gedämpfterer Klänge, zündeten gehörig.

Passenger_02Dass er es in der Zwischenzeit allerdings perfekt beherrscht, zwischen Bandharmonie und Alleinunterhaltung zu wechseln, seine Karriereanfänge auf der Straße aber dennoch nicht vergessen hat, das betonte Rosenberg nicht nur immer wieder in seinen kurzweiligen Reden zwischen den einzelnen Liedern, sondern vor allem im Mittelteil seines Sets, den er ganz alleine bestritt. Schließlich sollten ja auch all diejenigen auf ihre Kosten kommen, die Trübsal gebucht hätten und bereits sehnsüchtig auf seine „sad songs“ warteten. Dafür bat er das Publikum aber zunächst um einen großen Gefallen: Es solle nun möglichst leise sein. Seine Erzählung von den Schicksalen zweier Menschen, die ihm auf seinen früheren Reisen als Straßenmusiker begegnet waren, und die anschließende Performance des Songs „Travelling Alone“, der genau von diesen zwei Personen handelt, schafften es mühelos, die Masse zum andächtigen Schweigen zu bringen. Hier war nun wirklich nicht mehr das Eisfeld unter den Isolierplatten, auf denen die Menge stand, der Gänsehautauslöser. Zum Motto wurde diese Stimmung dann auch bei Rosenbergs nächster Darbietung, einem recht eigenwillig, da recht minimalistisch interpretierten Cover des Simon & Garfunkel-Klassikers „Sound of Silence“. Im Anschluss beteuerte der 32-jährige Brite, dass er das Lied zwar bereits seit Jahrzehnten spiele, aber das eben auch ein besonderer Moment für ihn gewesen wäre und er immer noch eine Gänsehaut hätte. Diese legte sich aber bestimmt schnell wieder, denn mit seiner humorvoll verpackten und vertonten Hassliste in Form des Songs „I Hate“ – ganz klar ein ungebrochener Publikumsliebling – brachte Passenger die Halle endgültig zum Kochen. Nicht nur hier forderte Rosenberg die Menge auf, mitzusingen: Der Gesang müsse auch gar nicht unbedingt schön sein, nur laut. Da ließen sich die circa 5000 Konzertbesucher an diesem Abend auch nie zweimal bitten, Jung und Alt unterstützten ihr Idol aus voller Kehle und klatschten oft auch ohne Aufforderung enthusiastisch mit.

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Mittlerweile wieder auf die Bühne zurückgekehrt, unterstützte die vierköpfige Band Rosenberg nun bei schwelgerischen Hits wie dem Titellied des aktuellen Albums sowie dem im Original mit der Sängerin Birdy aufgenommenen Hit „Beautiful Birds“. Das ansonsten recht dezente und minimalistisch gehaltene Bühnenbild sorgte hier für einen besonders schönen Effekt, indem die Beleuchtung farblich der Stimmung sowie den Lyrics des Songs angepasst wurde. Hatte ich den Großteil von Rosenbergs Songrepertoire noch bis zu diesem Sommer als für meinen Geschmack „etwas zu soft“ abgetan, musste ich mir hier nun doch das ein oder andere Tränchen verdrücken… Frauen zum Weinen bringen, das könne er, meinte Mike Rosenberg einmal an diesem Abend. Ja tatsächlich… Ihm selber dürften allerdings die Tränen kommen, wenn sein – O-Ton Rosenberg – „einziger Hit“ mal wieder mit dem Titelsong „Let It Go“ aus dem Disneyfilm „Frozen“ verwechselt wird. Dabei habe er sich doch mittlerweile extra den Bart wachsen lassen, um nicht mehr für eine Disneyprinzessin gehalten zu werden, so der Brite.

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Interessanterweise war es aber dann nicht einmal sein ganz großer Hit, der die Masse restlos begeisterte, sondern im Grunde all seine Songs gleichermaßen: Das Publikum bejubelte den Singer/Songwriter ebenso laut für seine durchaus unkonventionelle Performance des Klassikers „Ain’t No Sunshine“ und im Anschluss daran fast noch etwas durchdringender für das letzte Lied vor der Zugabe: „Scare Away the Dark“. Der Beifall brandete in einem dröhnenden Chorgesang, der erst aufhörte, als Rosenberg samt Band wieder  auf die Bühne zurückkehrte und noch einmal mit einstimmte. Dann gab es als Zugaben noch das poetische „Home“ und den Radiohit „Holes“, bei dem ebenfalls noch einmal kräftig mitgesungen wurde. Der bodenständige und zutiefst authentisch wirkende Sänger bedankte sich bei dem „stets respektvollen Publikum“ dafür, dass es so zahlreich erschienen war: Es sei bereits sein zweites Konzert in Winterthur, doch sei die Halle beim letzten Mal nicht annähernd so voll gewesen. Er kündigte ein Wiedersehen im Sommer an – und auch da wird der sympathische Singer/Songwriter sicherlich wieder mit seinen bewegenden Geschichten trumpfen und erneut zeigen, dass er auf großen Hallen- und Festivalbühnen genauso glänzen kann wie bei seinen mittlerweile legendären Auftritten in den Fußgängerzonen dieser Welt.

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Setlist:

  1. Somebody’s Love
  2. Life’s for the Living
  3. If You Go
  4. 27
  5. Anywhere
  6. Everything
  7. Travelling Alone
  8. Sound of Silence (Simon & Garfunkel Cover)
  9. I Hate
  10. Young as the Morning Old as the Sea
  11. Beautiful Birds
  12. Let Her Go
  13. Ain’t No Sunshine (Bill Withers Cover)
  14. Scare Away the Dark
  15. Home
  16. Holes

Wart ihr bereits auf einem Konzert von Passenger? Wenn ja, wie hat es euch gefallen? Oder was war das letzte Konzert, das ihr besucht habt? Hinterlasst mir gerne Kommentare, ich würde mich freuen!

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