Rezension: “Crossbones” von Nuruddin Farah

Chaos, Terroristen und „Piraten“: Ein zeitgenössisches Porträt Somalias

Vor einigen Wochen habe ich mit The Orchard of Lost Souls von Nadifa Mohamed bereits einen Roman vorgestellt, der in Somalia spielt und die Anfänge des bis heute andauernden landesweiten Konflikts schildert. In jener Rezension habe ich auch Mohameds Landsmann und Schriftstellerkollegen Nuruddin Farah erwähnt, der sich in all seinen Werken mit seinem Heimatland beschäftigt und seine aktuellste Trilogie ebenfalls dem Somalischen Bürgerkrieg widmete. Crossbones, der letzte Teil dieser Trilogie, behandelt eine der aktuellsten Episoden in der Geschichte des Landes: Den Aufstieg von religiösen Fanatikern, Terroristen und Piraten. In einem politischen Thriller beschreibt Farah die explosive Stimmung in Somalia gegen Ende des Jahres 2006 und rückt – auch als Reaktion auf die westliche Berichterstattung – die gesellschaftlichen und historischen Geschehnisse in dem Land in ein neues Licht.

Ähnlich wie in Nadifa Mohameds Roman verfolgen wir auch in Crossbones die Erlebnisse von drei Hauptcharakteren – in Farahs Buch handelt es sich allerdings um drei männliche Protagonisten, die, im Gegensatz zu Mohameds Figuren, auch miteinander verwandt sind. Altersunterschiede, abweichende Beziehungen zum Heimatland und beispielsweise auch die jeweilige Berufswahl bestimmter Charaktere garantieren aber auch hier verschiedenste Perspektiven auf das Geschehen. So reist Malik, ein Journalist und Kriegskorrespondent, der bisher noch nie in seinem Heimatland gewesen ist, zusammen mit seinem Schwiegervater Jeebleh nach Mogadishu, um über die Lage in Somalia und vor allem über die Piraterie zu berichten. Gleichzeitig macht sich Maliks Bruder Ahl auf den Weg in den Norden Somalias nach Puntland, um nach seinem verschwundenen Stiefsohn Taxliil zu suchen, der in seiner Heimat Minneapolis von Terroristen als potentieller Selbstmordattentäter angeheuert worden ist. Was die drei Männer bei ihrer Ankunft allerdings noch nicht ahnen können: Die US-unterstützte Militärintervention Äthiopiens in Somalia steht kurz bevor und die Lage ist mehr als hochexplosiv. Schneller, als ihnen oftmals lieb ist, werden die Männer in die sich überschlagenden Ereignisse verwickelt und bekommen dadurch einen Einblick in die Geschehnisse, der weit über das hinausgeht, was die drei Exil-Somalier aus den Nachrichten und vom Hörensagen bisher über die wahre Situation in Somalia wussten.

Jeeblehs letzter Besuch in Mogadishu (übrigens der Plot des ersten Teils der Trilogie, Links) ist zehn Jahre her und der Dante-Wissenschaftler muss feststellen, dass das somalische Inferno mittlerweile eine etwas andere Gestalt angenommen hat: Hatten vor einem Jahrzehnt noch brutale Warlords das Land regiert und terrorisiert, haben diese das Feld für weißgekleidete Männern mit langen Bärten und Peitschen geräumt, welche die Bevölkerung nun mit äußerst strengen Regeln tyrannisieren. Außerdem mischen jetzt auch noch weitere Akteure im korrupten Spiel um Macht und Ressourcen mit: “Reliogonists” (wie Farah sie nennt), radikalisierte Jugendliche, Piraten, Menschenschmuggler, Zwischenmänner und sogenannte „fifth columnists“, die dafür sorgen, dass alle politischen und sozialen Abläufe noch undurchschaubarer und vor allem noch viel heikler werden. In solch einer zerrissenen Gesellschaft und höchst prekären Situation ist es für alle Beteiligten auch nicht mehr einfach, zu erkennen, wer Freund oder Feind ist – zu schnell werden in der sich ständig veränderten Lage die Fronten und Bündnisse gewechselt. Kein Wunder, dass tödliche Gefahren hinter jeder Ecke lauern. Säkularisten, Journalisten oder schlichtweg zu Neugierige werden ohne Warnung umgebracht. Wem schenkt man sein Vertrauen und wie viel ist die Wahrheit wert? Um an ihre Ziele zu kommen, riskieren Malik und Ahl nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Familie und Freunde – und das mehr als einmal.

In einem eindringlichen Porträt und mit einer dynamischen und bestimmten Sprache bringt Nuruddin Farah seinen Lesern das zeitgenössische Somalia nahe, stellt den Irrsinn des Bürgerkriegs zur Schau und beklagt die Sinnlosigkeit des Leids seiner Nation. Die latente Bedrohung zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman, während der Autor im Stil einer Reportage etliche Hintergründe für den Status Quo Somalias liefert und den täglichen Überlebenskampf in einer völlig zerstörten Umgebung und bis ins Mark korrupten Gesellschaft zeichnet. Gerade Maliks Interviews mit lokalen Drahtziehern und dubiosen „Geschäftsmännern“ gehen den Machenschaften der Piraten und Terroristen auf den Grund und die Ergebnisse stehen nicht selten im direkten Kontrast zu den westlichen Medienberichten. So wird schnell klar, dass „Pirat“ nicht gleich „Pirat“ ist und nicht nur die Extremisten an der Piraterie beteiligt sind, sondern es sich hierbei um ein globales, äußerst nebulöses Geschäft handelt, das weit über das Kapern von Schiffen vor der Küste Somalias hinausgeht. Stück für Stück enthüllt Nuruddin Farah in seinem Thriller diese Mischung aus international organisierter Kriminalität, Radikalisierung und schierer Verzweiflung. Sei es die Einmischung unterschiedlichster Länder in den Konflikt, Extremismus, Piraterie oder journalistische Arbeit: Indem Farah in diesem Kontext Personen und Gruppierungen unterschiedlichster Schichten, Generationen und Weltanschauungen zu Wort kommen lässt, beleuchtet er das Geschehen aus verschiedensten Perspektiven, ohne zu predigen – stattdessen liegt es letztendlich am Leser selbst, sich eine endgültige Meinung zu bilden.

Allerdings kommt diese Multiperspektivität mit einem kleinen Haken: Der Detailreichtum und die Vielschichtigkeit an Geschichten und Charakteren gehen zuweilen auf Kosten der Spannung. Zumindest verlangt Farahs Erzählung ein solides (Namens-)Gedächtnis und eine gute Konzentration, ansonsten verliert man in Windeseile den Faden. Deshalb handelt es sich bei Crossbones auf jeden Fall um kein Buch, das man mal eben schnell in die Tasche packt, um es zwischendurch oder gar nebenbei zu lesen – das funktioniert hier definitiv nicht. Vielmehr muss man hier ständig am Ball bleiben und sich mit der Geschichte aktiv auseinandersetzen. Dafür wird man aber auch belohnt: Nicht nur erhält man einen umfassend(er)en und tiefgehend(er)en Einblick in die Situation am Horn von Afrika als je durch Medienberichte möglich, sondern man bekommt durch Farahs teils verworrene, von unzähligen Charakteren nur so wimmelnde Erzählung auch ein bisschen ein Gespür dafür, was für die Betroffenen im Bürgerkrieg unter anderem Alltag bedeutet: Unübersichtlichkeit, Ungewissheit und Fragen oder Probleme, auf die es keine einfache Antwort oder für die es keine schnelle Lösung gibt.

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser Dichte und Komplexität handelt es sich bei Crossbones um einen sehr lohnenden Roman, der mitreißt, neue Perspektiven eröffnet und langfristig zum Denken anregt. Zwar handelt es sich hier um den dritten Teil einer Trilogie, in dem auch Charaktere (wie beispielsweise Jeebleh) aus den früheren Teilen auftauchen, aber man kann den Roman auch ohne jegliche Probleme zusammenhanglos lesen. Natürlich ermöglichen die historische, politische und kulturelle Entwicklung sowie die sich verändernden Auswirkungen auf die jeweiligen Charaktere, welche über die drei Bücher hinweg dargestellt werden, aber einen umso gründlicheren Einblick in die jüngste Geschichte des Landes. Und ganz egal, welchen von Farahs Romanen man letztendlich zur Hand nimmt: Sein unerschütterliches Engagement für seine Nation und auch für die Wahrheit scheint in allen Büchern stets erkenn- und spürbar durch.

Kennt ihr politische Thriller, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen? Über Empfehlungen freue ich mich immer!

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